Warum es keine guten Schiedsrichter geben kann.
Jeder Besucher eines Fußballspiels, ob in Bundesliga oder Amateurklasse, kennt die Momente des Spiels, wo das Publikum auf Grund einer nur allzu offensichtlichen Fehlentscheidung zur großen Schiri-Schelte ansetzt. Der Ruf zum Telefon ist da noch die freundlichste Variante. Aktuell wird die Debatte um Fehlentscheidungen aber auch in den Verbänden und Medien ernsthaft diskutiert und mit der Forderung nach der Torkamera, dem Chip im Ball oder der Aufstockung des Schiedsrichtergespanns um zwei Torrichter verbunden. Die spannenden Fragen nach der Leistung der Schiedsrichter kann man auch der Soziologie stellen. Aufschlussreiche Erkenntnisse liefert Erwing Goffmans Interaktionsanalyse mit der sich zeigen lässt welche Rolle ein Schiedsrichter spielen muss und warum er sich gerade deswegen bei seinen Entscheidungen dem Zufall ausliefert und so immer auch Fehler machen wird. Daran anschließend lässt sich zeigen, dass technische Lösungen oder ein größeres Gespann die Leistungen des Schiedsrichters noch verschlechtern oder gar unmöglich machen werden.
Darstellung
Denn der Schiedsrichter spielt in der Inszenierung des Fußballspiels eine Rolle, die ihre eigenen Notwendigkeiten verlangt und nun geklärt werden soll. Man muss als erstes fragen, ob der Schiedsrichter wahrhaftig an seine Rolle glaubt oder eher in eine zynische Distanz zu seiner Rolle tritt. Es erscheint relativ eindeutig, dass der Schiedsrichter, insbesondere im Profifußball, an seine eigene Rolle glaubt und davon überzeugt ist, dass "der Eindruck von Realität, den er inszeniert, 'wirkliche' Realität sei. Teilt das Publikum diesen Glauben an sein Spiel - und das scheint der Normalfall zu sein -, so wird wenigstens für den Augenblick nur noch der Soziologe oder der sozial Desillusionierte irgendwelche Zweifel an der 'Realität' des Dargestellten hegen". Zweifel sind angemeldet, und zwar aus beiden Gründen. Denn häufig wird bei Fehlentscheidungen des Schiedsrichters in der spontanen und auch bei der späteren Analyse nur individuell, nämlich als persönlicher "Patzer" zugerechnet. Das gilt es aber zu bezweifeln. Denn viel häufiger sind die soziale Situation der Entscheidung und die an die Rollenerwartungen gebundenen Darstellungszwänge stärker für die Entstehung der Entscheidung verantwortlich, als dies bei rein individuellen Zurechnungen deutlich wird. Um diesen Punkt zu verstehen, muss man die die Fassade des Schiedsrichters mit Hilfe des Bühnenbildes, der Erscheinung und des Verhaltens analysieren.
Das Bühnenbild ist hier leicht erklärt und beschrieben: Ein (möglichst) volles Stadion in dem "das Spiel der Spiele" stattfindet, Flutlicht, 22 Spieler, zwei Trainer und das Schiedsrichtergespann. Dieses Bühnenbild ist natürlich idealisiert, macht aber auch in kleinerem Ausmaße für die Rolle des Schiedsrichters deutlich, dass er sich in einen Bühnenbild befindet, welches er in seiner normalen Alltagsumgebung nicht vorfinden wird. Daher hat das mit der Rolle verbundene Bühnenbild für den Schiedsrichter eine hohe Bedeutung, selbst oder erst recht, wenn es für ihn zur Routine geworden ist, in den größten und spannendsten Arenen der Welt ein und aus zu gehen. Diese Wichtigkeit verstärkt die wahrhafte und gründliche Ausführung seiner Rolle.
Die Erscheinung des Schiedsrichters ist ebenso klar: Knallgelbes Jersey (in Ausnahmefällen rot, sehr ungern grün) mit schwarz abgesetzter Hose, laute Trillerpfeife, gelbe und rote Karte zur Hand und ein kleiner Notizzettel. Mit dieser Erscheinung vermittelt der Schiedsrichter seine formelle Rolle in der Inszenierung des Spiels. Er ist der einzige und autoritäre Entscheider auf dem Platz. Seine Entscheidungen sind endgültig und nicht zu diskutieren. Nicht umsonst erscheint er in Uniform, die ihre Gestaltung der Polizei- und Militäruniformen entlehnt. Die allgemeines Wirkung einer Uniform lässt sich im "Hauptmann von Köpenick" vorzüglich nachlesen.
Sein Verhalten zeigt eben jene Autorität noch einmal verstärkt an: Sein Gang ist aufrecht, er hat alles im Blick, ist fit, hellwach und konzentriert (Florian Meyer). Kurz: Er hat alles im Blick und das ganze Geschehen unter Kontrolle (Babak Rafati). Das kann und darf nicht bezweifelt werden. Gleichzeitig strahlt er aber auch eine Locker- und Lässigkeit aus (der zwinkernde Merk), die deutlich zu erkennen geben will, dass er mit dieser Situation keineswegs überfordert ist.
Ist die Übereinstimmung von Bühnenbild, Erscheinen und Verhalten groß, so kann man von einem Idealtypus sprechen. Der oben beschriebene Idealtypus trifft auf alle Schiedsrichter der ersten Liga zu, wird aber auch für die meisten Schiedsrichter unterer Spielklassen noch gültig sein, weil sie sonst diese Stelle gar nicht besetzen würden. Sie würden einfach nicht ausgewählt, entsprächen sie nicht dieser idealtypischen Darstellung. Allerdings ist diese Inszenierung natürlich kein Selbstzweck, sondern geschieht auf Grund der Erwartungen des Publikums und insbesondere auf Grund der anderen Mitwirkenden Ensembles, den Spielern.
Dramatische Gestaltung
Durch die dramatische Gestaltung seiner Handlung gibt der darstellende Schiedsrichter die notwendigen Hinweise, damit seine Handlung dem Publikum (und sich selbst) sinnhaft erscheint: "Denn wenn die Tätigkeit des Einzelnen Bedeutung für andere gewinnen soll, muss er sie so gestalten, dass sie während der Interaktion das ausdrückt, was er mitteilen will." Für den Schiedsrichter erscheint es ohne weiteres nachvollziehbar, ja geradezu zwingend, dass er mit seinem Handeln während der Interaktion etwas mitteilen möchte. Und gerade die kniffeligen Entscheidungen (Abseits, Tor, Foul, Elfmeter, usf.) verlangen von ihm, dass er in Sekundenbruchteilen seine Fähigkeiten darstellen (!) muss. Und das hat fatale Folgen für die Möglichkeit "richtigen" Entscheidens. Da ein Schiedsrichter seine Entscheidung als eine richtige, angemessene und vor allem souveräne Entscheidung darstellen muss, muss er sofort und ohne Zögern mit Absolutheit entscheiden. Das hat dann aber zur Folge, dass er den kurzen Augenblick einer Reflexion nicht nutzen kann, der für ein wirklich abgesichertes Urteil nötig wäre. Ihm fehlt also aus Gründen der notwendigen Darstellung seiner Handlung die Sicherheit in seiner Entscheidung. Dies wird er im Regelfall mit noch stärkerer Darstellung kompensieren. So macht sich ein Teufelskreis auf, der den Schiedsrichter dazu nötigt mehr und mehr den Notwendigkeiten seiner Darstellung nach zu kommen, als der eigentlichen Handlung. Er liefert sich so dem Zufall aus.
Es gibt keine „guten“ Schiedsrichter
Bei jeder Schiri-Schelte muss man in Zukunft also bedenken, dass die Richter des Rasens in ihrer eigenen Rolle gefangen sind und dass es dabei notwendig zur Reduktion ihrer Leistungsfähigkeit kommen muss, sofern man – wie üblich - die Anzahl „objektiv richtiger“ Entscheidung als Bewertungsgrundlage heranzieht. Es handelt sich also nicht um eine Frage der willentlichen Entscheidung! Nein, es ist die im Spiel institutionalisierte Rolle des Schiedsrichters, die ihn von seiner eigentlichen Leistung fernhält. Ändern ließe sich das nicht dadurch, dass man an die Schiedsrichter appelliert doch endlich „richtig“ zu entscheiden, besser zu trainieren oder genauer hinzuschauen. Sollte man nämlich vorhaben mündige, entscheidungsfähige Schiedsrichter im Sport entscheiden zu lassen, dann müsste man die institutionalisierte Rollenbeschreibung des Schiedsrichters und letztlich das ganze Spiels verändern. Ein Bild des nachdenkenden, Entscheidungen korrigierenden, räsonierenden und flexiblen Schiedsrichters, der Fehler machen darf, käme dem wohl am nächsten und zeigt ebenso bildlich die Unvereinbarkeit mit einem Sport, der auf schnelles Erleben ineinander übergehender Spielsituationen abzielt. Es gibt also keine „guten“ Schiedsrichter in diesem Spiel.
Geht es nun um den Umgang mit Fehlentscheidungen und den daraus resultierenden Forderungen sollte man nicht nur bedenken, dass die sozialen Darstellungsnotwendigkeiten der Schiedsrichterrolle einer guten Leistung im Wege stehen und es sich daher gerade nicht um individuelle Patzer oder Schwächen des Schiedsrichters handelt, auch wenn es zu noch so offensichtlichen Fehlentscheidungen kommt. Man sollte dann auch bedenken, was die geforderten Neuerungen für die Chancen und Risiken der Darstellung des Schiedsrichters bedeuten. Unter dieser Berücksichtigung kann man nun nach dem Nutzen von Torkamera und Torrichtern fragen.
Der Torschiedsrichter im Ensemble
Was würde ein/e weiter/e Mann/Frau (so muss man das jetzt ja zumindest für den deutschen Fußball schreiben) am Tor bringen? Nichts. Denn wie Uli Hoeneß völlig richtig anmerkte, müssten die meisten Torentscheidungen bereits korrekt vom Schiedsrichter getroffen werden. Dass er dies nur in den seltensten Fällen abgesichert tun kann, wurde beschrieben. Und die weiteren Schiedsrichter am Tor wären den gleichen Zwängen unterlegen, wie der oberste Feldherr auf dem Platz: In erster Linie müssen sie ihre Leistung darstellen, was zur beschriebenen Fehleranfälligkeit führt. Darüber hinaus müssen die Schiedsrichter als gemeinsames Ensemble auftreten. So ergeben sich gemeinsame Darstellungszwänge, die vor allem die Entscheidunsfreiheit des Einzelnen in dem Maße beschränken, als dass er immer auch die gemeinsame Darstellung als souveränes Schiedsrichterteam aufrecht erhalten muss. So wird ein offener Dissens nicht möglich sein, wenn einer der Schiedsrichter bereits entschieden hat, da ein Widerspruch immer auch die Gefahr bedeutet das gemeinsame (Schau-) Spiel zu unterlaufen. Was das für Probleme für die Autorität des Gespanns und den weiteren Spielablauf bedeutet, lässt sich auch jetzt schon in den seltenen Momenten des Dissens zwischen Linien- und Feldschiedsrichter beobachten. So hört der Verteidiger auf den Stürmer zu verfolgen, weil die Abseitsfahne oben ist, der Stürmer aber schießt aufs Tor, weil kein Pfiff ertönt. Das Tor zählt, das Publikum und die Spieler sind außer sich. Diesen Schaden während des Spiels zu reparieren ist nahezu unmöglich. Die Risiken der inkonsistenten Darstellung werden mit jedem zusätzlichen Mitglied des Ensembles größer, weshalb sogar anzunehmen ist, dass mit weiteren Schiedsrichtern eher weitere Störungen für Spiel wahrscheinlich werden, als dass man „richtigere“ Entscheidungen der Schiedsrichter ermöglicht.
Die Torkamera und der verborgene Entscheider im Ensemble
Gäbe es eine Torkamera, so wäre der Schiedsrichter vordergründig von unmittelbarer Entscheidung entlastet. Die Last des „richtigen“ Entscheidens läge dann aber im Regieraum oder besser noch an der Seitenlinie, wo ein weiterer Richter die Bilder der Torkamera begutachtet. In dieser Situation der als störend empfundenen Spielunterbrechung muss aber auch der Kamerarichter schnell und souverän entscheiden, was zur selben Fehleranfälligkeit führt. Und dass er dabei leider nicht auf die Bilder der Kameras vertrauen kann hat das ZDF auf beeindruckende Weise durch aufwendige 3D-Animationen gezeigt. Dort war zu sehen, dass Bälle, die auf den ersten Blick der Torkamera hinter der Linie sind, in Wirklichkeit die Linie noch nicht überschritten haben und umgekehrt. Eine besondere Gefahr für das Ensemble geht dabei vom Kamerarichter aus, weil er mit den technischen Hilfsmitteln die etablierte Autorität des Feldschiedsrichters sehr leicht untergraben und somit eine geordnete Inszenierung empfindlich stören kann. Denn gerade die vermeintliche Überlegenheit einer eingesetzten Technik bedeutet für die anderen Schiedsrichter eine potentiell sofortige Demontage und damit ein nicht mehr handhabbares Risiko. Tatsächlich wird der Feldschiedsrichter also bei seiner Entscheidung nicht entlastet, sondern durch die nun jeder Zeit lauernde Entlarvung nur noch mehr unter Druck gesetzt. Das wird dann zu Lähmung oder noch stärkerer Darstellung führen, wobei beide Ausprägungen kaum förderlich für einen reibungslosen Spielablauf wären.
Fehlentscheidungen als notwendiges Übel
Im Anschluss an diese Betrachtungen muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Funktion des Schiedsrichters nicht in erster Linie darin liegen kann „objektiv richtige“ Entscheidungen zu fällen. Misst man den Schiedsrichter allerdings an „richtigen“ Entscheidungen, so ist er dazu verdammt eine schlechte Leistung abzuliefern. Eine gute Leistung des Schiedsrichters drückt sich aber vor allem durch die Gewährleistung eines reibungslosen Ablaufs der Inszenierung Fußballspiel aus. Lücken- und widerspruchslose Inszenierung ist dabei das Maß aller Dinge, bringt aber den leider nicht zu behebenden Makel der Fehlentscheidungen mit sich. Auch Torrichter- und kamera werden Fehlentscheidungen eher noch begünstigen und darüber hinaus auch auch noch die eigentliche Funktion des Schiedsrichters behindern und so den Spielablauf empfindlich stören. Daher sollten die Fehler des Schiedsrichters als notwendiges Übel einkalkuliert und ertragen werden, auch wenn das bei der Benachteiligung der eigenen Mannschaft besonders schwer fällt. Doch am Ende einer Saison gleichen sich meisten alle Fehler aus.
Literatur: Goffman, Erwing (2006, 4. Auflage): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München: Piper
Dieses Essay ist im Rahmen der Veranstaltung "Interaktion in Organisationen - empirische und theoretische Zugänge" bei Prof. Dr. Stefan Kühl an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld entstanden.
Mittwoch, 21. November 2007
»Schiedsrichter, Telefon, deine Alte wartet schon!«
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