Heute hat Oliver Fritsch wieder einmal einen herrlichen Freistoß direkt verwandelt und mich zum weiteren Nachdenken über das deutsch-italienische Fußballverhältnis animiert.
Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im Sport nicht nur erlaubt sind, sondern auch dahingehend funktionale Bedeutung haben, dass klare Fronten zwischen Gewinnern und Verlieren geschaffen werden. Das macht den Sport im allgemeinen zusätzlich reizvoll und gehört einfach dazu. Das hat in der Regel vor allem zeitliche und sachliche Grenzen, die sich aber gerade für dieses spezifische Verhältnis nicht zeigen. Hier drängt sich die spannende Frage Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung dieser Klischees und Feindbilder auf: Warum wird im deutsch-italienischen Verhältnis sofort und unweigerlich von Pizzaboykott und schmierigen Gigolo gesprochen?
Zweitens stellt Fritsch fest, dass die Klischees tatsächlich auch die sachliche Analyse der Reporter überlagern und über den italienische Fußball kontrafaktisch negativ geschrieben wird. Durchaus ist die überaus moralische und negative Bewertung des italienischen Fußballs in der deutschen Presse beachtlich. Das wundert doch sehr und bedarf einer genaueren Analyse.
Das deutsche Bild der Italiener
Dass "der Italiener" in Deutschland kein gutes Image hat, ist sicherlich der mangelnden Integrationsbereitschaft des deutschen Volkes und der deutschen Politik geschuldet. So jährte sich unlängst 2005 zum 50. Mal der deutsch-italienische Anwerbevertrag. Dass Deutschland sich und seine Bevölkerung bis in jetzige Jahrtausend nicht auf eine Integration der angeworbenen Arbeiter vorbereitete, führte strukturell zu einer Isolation italienischer Kultur in Deutschland. So blieb das italienische immer typisch italienisch und daher fremd. Beide Kulturen bemühten sich von vornherein um Abgrenzung und Bewahrung, was zwangsläufig zu Klischee- und Feinbildern führt, weil man sich dann nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen muss. Man kann einfach auf das Klischee verweisen. Die Klischeebildung hat eine lange Tradition, die mehrere Generationen mitgetragen und bestärkt haben. Diese stereotypen Bilder sind in sportlichen Auseinandersetzung natürlich besonders fruchtbar und kommen dort auch massenmedial excellent zum Tragen. Dass heute nur noch in seltenen Fällen (des Fußballs!) gegen Italien gewettert wird, liegt darin, dass sich das deutsche Volk heute nicht mehr von Italienern "unterwandert" fühlt sondern eher von Türken, Russen, Polen. Damit ist nicht gemeint, dass die Integration von Italienern in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen sei (wenn man mal von der kulturellen Einverleibung der Pizza und des italienischen Eiscafés absieht). Vielmehr haben sich die Angriffsziele der kulturellen Abgrenzungsbewegungen auf andere Volksgruppen verschoben. Nach wie vor versteht sich Deutschland in seiner politischen und alltäglichen Lebenspraxis nicht als Einwanderungsland, dessen Bevölkerung und Regierung einen ernsthaften Beitrag zur Integration ausländischer Mitbürger leisten will und kann.
Die Reaktivierung der stereotypen Klischees
Unter der Voraussetzung, dass deutsch-italienische Klischees erstens eine lang gelebte Tradition haben und zweitens in Deutschland nach wie vor keine offene, auf Integration zielende Einstellung der Bevölkerung zu beobachten ist, lässt sich nun verstehen, warum diese Klischees auch sachliche Analysen überlagern und die Autoren für ein abgewogenes Urteil blind machen.
Denn die weiterhin bestehenden Ressentiments wirken auch bei den SchreiberInnen. Exemplarisch lässt sich an der moralisch aufgeladenen Beschreibung "des Italienischen Fußballs" die mit Vorurteilen belastete, auf Abgrenzung zielende Haltung einer Bevölkerung schließen. Denn die Funktion von Klischees ist ja gerade, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen muss, sondern nur das sehen kann, was man vorher schon wusste. Diese kognitive Eingrenzung der Schreiber führt dazu, dass sie nur das Spiel und die darin verwickelten Italiener sehen können, die in ihren Köpfen schon vorher bestanden. Sie werden immer ein "erschlichenes, hinterlistiges, hässliches" italienisches Spiel sehen müssen, weil keine anderen Bewertungsmuster dafür bereit stehen. Den Journalisten muss man an dieser Stelle natürlich vorhalten, dass sie ihren Beruf verfehlt haben. Dass diese Artikel von den Lesern mit Beifall bejubelt werden ist aber ein starkes Motiv trotzdem solch einen Unsinn zu schreiben. Diese Reaktion zeigt dann wiederum wie die Stimmung in unserem Land ist und wie viel Integration überhaupt möglich ist.
Niklas Luhmann beschreibt solch eine Einstellung im übrigen mit dem Begriff des normativen Erwartens. Wenn trotz kontrafaktischen Erlebens an den formulierten Erwartungen festgehalten wird, ist man in keinster Weise lernfähig. Und es ist im folge der hier skizzierten Überlegungen davon auszugehen, dass die Erwartung an den "unfairen, schleimigen" italienischen Fußball in Deutschland kontrafaktisch stabilisiert und institutionell verankert ist. Das erklärt zumindest, warum man immer wieder fachlich falsche und journalistisch schlechte Berichte über den italienischen Fußball in den deutschen Medien lesen muss.
Das wahre Ausmaß journalistischer Unsachlichkeit wird sich aber erst dann beobachten lassen können wenn Deutschland in der Gruppenphase der EM 2008 zusammen mit Griechenland [oder Niederlande] Italien und der Türkei [oder Russland oder Polen] um das Weiterkommen kämpft. Dann wird man Spieltag für Spieltag lesen müssen, was "der Deutsche" denkt.
Freitag, 23. November 2007
Des Deutschen liebster Feind: "Der italienische Fußball"
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Wieder deutsches Losglück! Gegen Polen, Österreich und Kroatien
Da ist es wieder! Das unverschämte deutsche Losglück. Damit ist die Vorrunde so gut wie gebucht, werden die meisten sagen. Aber ob es auch so kommen wird, wird man erst im Sommer sehen. Die Polen sind seit der WM deutlich stärker geworden. Und da es schon
Da ist es wieder! Das unverschämte deutsche Losglück. Damit ist die Vorrunde so gut wie gebucht, werden die meisten sagen. Aber ob es auch so kommen wird, wird man erst im Sommer sehen. Die Polen sind seit der WM deutlich stärker geworden. Und da es schon
Weblog: Welt Hertha Linke
Aufgenommen: Dez 02, 13:14
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Aufgenommen: Dez 28, 20:59
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Selten liest man ein Bericht, der dort ansetzt, wo die jüngere Geschichte Zeichen gesetzt hat. Nämlich bei den Anfängen der Anwerbung der ausändischen Mitbürger. Für manche noch immer Gastarbeiter.
Um den Zeitlichen Bogen zu spannen, zum hier und jetzt, fällt mir nur ein, dass Italien, Italiener, die Kultur, die Speisen, die Reisestädte etc schon dermaßen eingedeutscht sind, dass eine nahestehende Assimilierung mit Italien im Ganzen nach kommen könnte. Könnte! Aber wer will das schon? Der deutsche nicht und der Italiener nicht. Also hat man hier im Fußball etwas gefunden, was wirklich noch einen unterschiedet darstellt und viel, sagen wir Mal Konfliktpotezial birgt. Lange Rede, kurzer Sinn: sollte Italien in nächster Zeit wirklich mal 3 oder 4 Mal hintereinander ein Spiel verlieren würde sich die tendenzielle Antistimmung gegenüber dem Calcio legen. Nach Hohn und Spot und Wiedergutmachung könnte eine negative Grundstimmung vielleicht auch mal weichen.
Da dies aber seit Jahren nicht mehr so gewesen ist hat der deutsche immer noch das Problem, dass er am nächsten Tag bei seinen Handwerker aus Apulien, dem Gemüsehändler aus Kalabrien, dem Restaurantchef aus Neapel und auch den Kollegen im Büro aus sonstwo Italien nach einer Fußballbegegnung immer ein Grinsen im Gesicht entlocken würde. Unfreiwillig!
Ach, das Thema ist so vielschichtig und tief, dass es immer wieer ein Beitrag wert ist.....solange der Calcio siegt!
Vielen Dank
und frohes Schaffen!