Die in den letzten Jahrzehnten allseits so beliebt gewordenen Sport Wetten haben eine lange Tradition zu verzeichnen. Bereits im 19. Jahrhundert tauchten die ersten Wetten dieser Art auf. Bis heute hat sich auf diesem Gebiet allerdings sehr viel getan, und daran ist nicht zuletzt das Internet schuld.
Der neueste Online Trend heißt Live Wetten. Hierbei werden Wetten während des Spieles abgeschlossen. Eine gute Intuition und schnelles Handlungsvermögen sind hier das A und O, da sich die Quoten fast im Sekundentakt ändern, eben je nach Spielverlauf. Spezielle Funktionen wie Live Stream sind hierbei sehr beliebt, wodurch Wettteilnehmer den Spielverlauf direkt am Bildschirm mitverfolgen können.
Manche Sportwetten Anbieter laden außerdem noch gleich auf eine Runde Poker ein oder bieten zusätzlich Casino Spiele an. Kurz: Der Flut an Unterhaltung ist kein Ende gesetzt.
Montag, 16. Juni 2008
Auf Sozialtheoristen.de geht es vorerst weiter
Tja, lange nichts mehr gehört, bzw. gelesen auf beim Sport der Gesellschaft. Mir fehlt schlichtweg die Zeit um hier alleine aktiv einen Blog zu betreiben. Leider. Aber so ist es halt und letztlich ist es ja auch kein Grund zu verzagen. Schließlich findet sich immer etwas neues, an dem man teilhaben kann. Und auch ich bin fündig geworden, bzw. habe mal eine Idee in den Raum geworfen, die sich so langsam verselbstständigt hat. Es geht um ein - wie sollte es anders sein - Blog-Projekt, das sie der Sozialtheorie widmet und sie in konkrete Texte umsetzen will: Sozialtheoristen.de. Ein paar meiner Kommilitonen sind schon engagiert. Und langsam sammeln sich dort schon die ersten Texte. Am Design und am Konzept wird ebenso wie an den Inhalten fortlaufend gearbeitet. Es gibt bisher keinen geplanten Zeitpunkt, an dem das Projekt "fertig" sein wird. Klingt nach einer ewigen Beta-Story. Aber es lässt uns die nötige Flexibilität für einen Beginn. Strukturen bilden sich dann mit der Zeit heraus. Mitarbeit ist jederzeit gerne gesehen. Soviel dazu.
Ich würde mich freuen, wenn ihr auch dort mal vorbeischauen würdet. Meine Beiträge zum Sport Gesellschaft werden zukünftig bei den Sozialtheoristen erscheinen. Ich wünsche viel Spaß!
Ich würde mich freuen, wenn ihr auch dort mal vorbeischauen würdet. Meine Beiträge zum Sport Gesellschaft werden zukünftig bei den Sozialtheoristen erscheinen. Ich wünsche viel Spaß!
Geschrieben von Enno Aljets
in Der Sport der Gesellschaft
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13:34
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Dienstag, 27. November 2007
Wer kommerzialisiert den Amatuer-Fußball? DFB oder Hartplatzhelden?
Der Württembergische Fußballverband (WFV) hat die Hartplatzhelden verklagt. Das ist soweit bekannt. Und wird vielfach diskutiert. Vorweg: Ich mag die Hartplatzhelden und finde es ein tolles Projekt. Und ich will mich gar nicht aus dem Fenster lehnen und die rechtlichen Konsequenzen beurteilen. Das können die Kollegen von der Juristerei besser. Auch möchte ich nicht um das wahrscheinlich versteckte Manöver des DfB und seine Interessen in Sachen fußball.de spekulieren. Denn auch dort wurde im Prinzip schon genug gesagt.
Aber ein wichtiger Punkt liegt mir am Herzen, weil er die moralische Beurteilung noch mal auf eine höhere Stufe hebt. Die Frage der Kommerzialisierung des Amateur-Fußballs. In der Regel herrscht die verbreitete Meinung, dass die Kommerzialisierung des Fußballs im allgemeinen und des Amateurbereichs im Besonderen abzulehnen. Sicher ist hier der Begriff der Kommerzialisierung nicht eindeutig. Das wäre mal interessant das ganze differenzierter zu betrachten. Ohne das an dieser Stelle zu tun, Stelle ich mich aber auch auf den erst einmal unbegründeten aber mehrheitsfähigen Standpunkt, dass man den Amateursport vor Kommerzialisierungs- und Verwertungsinteressen möglichst frei halten sollte.
Dann stellt sich aber die Frage, wer für die umgreifende Kommerzialisierung im Falle von Hartplatzhelden verantwortlich ist! Denn dieser Vorwurf wird dem WFV gemacht oder dem DfB und im gleichen Zuge werden sie als böse Böse dargestellt. Sicher muss man den Verbänden dort kommerzielle Verwertunginteressen unterstellen. Wozu sonst die Klage?
Aber das trifft dann doch insofern die Falschen, als die eigentlich Kommerzialisierung des Amateur-Fußballs doch von Hartplatzhelden vorangetrieben wurde! Sicherlich machen die das nicht hauptberuflich und fahren nun eine S-Klasse. Man muss deren persönliches Engagement und ihre Leidenschaft für die Sache schon hervorheben. Aber man darf dann nicht vergessen, dass es dort auf der Seite auch nur so blinkt und bannert. Da werden schon einige Euros in private Taschen fließen. Und zwar nicht auf Grund der eigenen Leistung, sondern weil tausende User sich daran beteiligen und Content liefern. Das Interesse an der Sache in allen Ehren, aber die kommerzielle Verwertung des Amateurfußballs ist eine Idee der Hartplatzhelden gewesen. Sie sind die Ersten, die das konsequent angegangen sind. Den Vorwurf der umgreifenden Kommerzialisierung des Fußballs müssen sich also auch die Herren Hartplatzhelden gefallen lassen. Ich finde es bedauerlich, dass die Blogosphäre dahingehend einen blinden Fleck hat.
Abschließend sei aber nochmals gesagt, dass ich das Projekt sehr schätzen und es (derzeit) lieber in den Händen der HH sehe, als unter den Fittichen der Verbände.
Aber ein wichtiger Punkt liegt mir am Herzen, weil er die moralische Beurteilung noch mal auf eine höhere Stufe hebt. Die Frage der Kommerzialisierung des Amateur-Fußballs. In der Regel herrscht die verbreitete Meinung, dass die Kommerzialisierung des Fußballs im allgemeinen und des Amateurbereichs im Besonderen abzulehnen. Sicher ist hier der Begriff der Kommerzialisierung nicht eindeutig. Das wäre mal interessant das ganze differenzierter zu betrachten. Ohne das an dieser Stelle zu tun, Stelle ich mich aber auch auf den erst einmal unbegründeten aber mehrheitsfähigen Standpunkt, dass man den Amateursport vor Kommerzialisierungs- und Verwertungsinteressen möglichst frei halten sollte.
Dann stellt sich aber die Frage, wer für die umgreifende Kommerzialisierung im Falle von Hartplatzhelden verantwortlich ist! Denn dieser Vorwurf wird dem WFV gemacht oder dem DfB und im gleichen Zuge werden sie als böse Böse dargestellt. Sicher muss man den Verbänden dort kommerzielle Verwertunginteressen unterstellen. Wozu sonst die Klage?
Aber das trifft dann doch insofern die Falschen, als die eigentlich Kommerzialisierung des Amateur-Fußballs doch von Hartplatzhelden vorangetrieben wurde! Sicherlich machen die das nicht hauptberuflich und fahren nun eine S-Klasse. Man muss deren persönliches Engagement und ihre Leidenschaft für die Sache schon hervorheben. Aber man darf dann nicht vergessen, dass es dort auf der Seite auch nur so blinkt und bannert. Da werden schon einige Euros in private Taschen fließen. Und zwar nicht auf Grund der eigenen Leistung, sondern weil tausende User sich daran beteiligen und Content liefern. Das Interesse an der Sache in allen Ehren, aber die kommerzielle Verwertung des Amateurfußballs ist eine Idee der Hartplatzhelden gewesen. Sie sind die Ersten, die das konsequent angegangen sind. Den Vorwurf der umgreifenden Kommerzialisierung des Fußballs müssen sich also auch die Herren Hartplatzhelden gefallen lassen. Ich finde es bedauerlich, dass die Blogosphäre dahingehend einen blinden Fleck hat.
Abschließend sei aber nochmals gesagt, dass ich das Projekt sehr schätzen und es (derzeit) lieber in den Händen der HH sehe, als unter den Fittichen der Verbände.
Montag, 26. November 2007
Spannendes Interview mit Anti-Doping-Experte Prof. Dr. Treutlein
Readers Edition hat am Samstag ein interessantes Interview mit dem Anti-Doping-Experten Prof. Dr. Treutlein der Pädagogischen Hochschule Heidelberg veröffentlicht. Lohnenswert ist dieses Interview deshalb, weil Treutlein den Blick über die eigentliche Problemzone hinweg bewegt und Verknüpfungen herstellt. Zum Engagement gegen Doping in Verbindung mit der Personalpolitik des T-Mobile Teams kann er nur festhalten:
Die Personalpolitik für das Jahr 2008 sehe ich jedoch eher als Rückschritt in diesen Bemühungen.
Freitag, 23. November 2007
Des Deutschen liebster Feind: "Der italienische Fußball"
Heute hat Oliver Fritsch wieder einmal einen herrlichen Freistoß direkt verwandelt und mich zum weiteren Nachdenken über das deutsch-italienische Fußballverhältnis animiert.
Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im Sport nicht nur erlaubt sind, sondern auch dahingehend funktionale Bedeutung haben, dass klare Fronten zwischen Gewinnern und Verlieren geschaffen werden. Das macht den Sport im allgemeinen zusätzlich reizvoll und gehört einfach dazu. Das hat in der Regel vor allem zeitliche und sachliche Grenzen, die sich aber gerade für dieses spezifische Verhältnis nicht zeigen. Hier drängt sich die spannende Frage Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung dieser Klischees und Feindbilder auf: Warum wird im deutsch-italienischen Verhältnis sofort und unweigerlich von Pizzaboykott und schmierigen Gigolo gesprochen?
Zweitens stellt Fritsch fest, dass die Klischees tatsächlich auch die sachliche Analyse der Reporter überlagern und über den italienische Fußball kontrafaktisch negativ geschrieben wird. Durchaus ist die überaus moralische und negative Bewertung des italienischen Fußballs in der deutschen Presse beachtlich. Das wundert doch sehr und bedarf einer genaueren Analyse.
Das deutsche Bild der Italiener
Dass "der Italiener" in Deutschland kein gutes Image hat, ist sicherlich der mangelnden Integrationsbereitschaft des deutschen Volkes und der deutschen Politik geschuldet. So jährte sich unlängst 2005 zum 50. Mal der deutsch-italienische Anwerbevertrag. Dass Deutschland sich und seine Bevölkerung bis in jetzige Jahrtausend nicht auf eine Integration der angeworbenen Arbeiter vorbereitete, führte strukturell zu einer Isolation italienischer Kultur in Deutschland. So blieb das italienische immer typisch italienisch und daher fremd. Beide Kulturen bemühten sich von vornherein um Abgrenzung und Bewahrung, was zwangsläufig zu Klischee- und Feinbildern führt, weil man sich dann nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen muss. Man kann einfach auf das Klischee verweisen. Die Klischeebildung hat eine lange Tradition, die mehrere Generationen mitgetragen und bestärkt haben. Diese stereotypen Bilder sind in sportlichen Auseinandersetzung natürlich besonders fruchtbar und kommen dort auch massenmedial excellent zum Tragen. Dass heute nur noch in seltenen Fällen (des Fußballs!) gegen Italien gewettert wird, liegt darin, dass sich das deutsche Volk heute nicht mehr von Italienern "unterwandert" fühlt sondern eher von Türken, Russen, Polen. Damit ist nicht gemeint, dass die Integration von Italienern in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen sei (wenn man mal von der kulturellen Einverleibung der Pizza und des italienischen Eiscafés absieht). Vielmehr haben sich die Angriffsziele der kulturellen Abgrenzungsbewegungen auf andere Volksgruppen verschoben. Nach wie vor versteht sich Deutschland in seiner politischen und alltäglichen Lebenspraxis nicht als Einwanderungsland, dessen Bevölkerung und Regierung einen ernsthaften Beitrag zur Integration ausländischer Mitbürger leisten will und kann.
Die Reaktivierung der stereotypen Klischees
Unter der Voraussetzung, dass deutsch-italienische Klischees erstens eine lang gelebte Tradition haben und zweitens in Deutschland nach wie vor keine offene, auf Integration zielende Einstellung der Bevölkerung zu beobachten ist, lässt sich nun verstehen, warum diese Klischees auch sachliche Analysen überlagern und die Autoren für ein abgewogenes Urteil blind machen.
Denn die weiterhin bestehenden Ressentiments wirken auch bei den SchreiberInnen. Exemplarisch lässt sich an der moralisch aufgeladenen Beschreibung "des Italienischen Fußballs" die mit Vorurteilen belastete, auf Abgrenzung zielende Haltung einer Bevölkerung schließen. Denn die Funktion von Klischees ist ja gerade, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen muss, sondern nur das sehen kann, was man vorher schon wusste. Diese kognitive Eingrenzung der Schreiber führt dazu, dass sie nur das Spiel und die darin verwickelten Italiener sehen können, die in ihren Köpfen schon vorher bestanden. Sie werden immer ein "erschlichenes, hinterlistiges, hässliches" italienisches Spiel sehen müssen, weil keine anderen Bewertungsmuster dafür bereit stehen. Den Journalisten muss man an dieser Stelle natürlich vorhalten, dass sie ihren Beruf verfehlt haben. Dass diese Artikel von den Lesern mit Beifall bejubelt werden ist aber ein starkes Motiv trotzdem solch einen Unsinn zu schreiben. Diese Reaktion zeigt dann wiederum wie die Stimmung in unserem Land ist und wie viel Integration überhaupt möglich ist.
Niklas Luhmann beschreibt solch eine Einstellung im übrigen mit dem Begriff des normativen Erwartens. Wenn trotz kontrafaktischen Erlebens an den formulierten Erwartungen festgehalten wird, ist man in keinster Weise lernfähig. Und es ist im folge der hier skizzierten Überlegungen davon auszugehen, dass die Erwartung an den "unfairen, schleimigen" italienischen Fußball in Deutschland kontrafaktisch stabilisiert und institutionell verankert ist. Das erklärt zumindest, warum man immer wieder fachlich falsche und journalistisch schlechte Berichte über den italienischen Fußball in den deutschen Medien lesen muss.
Das wahre Ausmaß journalistischer Unsachlichkeit wird sich aber erst dann beobachten lassen können wenn Deutschland in der Gruppenphase der EM 2008 zusammen mit Griechenland [oder Niederlande] Italien und der Türkei [oder Russland oder Polen] um das Weiterkommen kämpft. Dann wird man Spieltag für Spieltag lesen müssen, was "der Deutsche" denkt.
Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im Sport nicht nur erlaubt sind, sondern auch dahingehend funktionale Bedeutung haben, dass klare Fronten zwischen Gewinnern und Verlieren geschaffen werden. Das macht den Sport im allgemeinen zusätzlich reizvoll und gehört einfach dazu. Das hat in der Regel vor allem zeitliche und sachliche Grenzen, die sich aber gerade für dieses spezifische Verhältnis nicht zeigen. Hier drängt sich die spannende Frage Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung dieser Klischees und Feindbilder auf: Warum wird im deutsch-italienischen Verhältnis sofort und unweigerlich von Pizzaboykott und schmierigen Gigolo gesprochen?
Zweitens stellt Fritsch fest, dass die Klischees tatsächlich auch die sachliche Analyse der Reporter überlagern und über den italienische Fußball kontrafaktisch negativ geschrieben wird. Durchaus ist die überaus moralische und negative Bewertung des italienischen Fußballs in der deutschen Presse beachtlich. Das wundert doch sehr und bedarf einer genaueren Analyse.
Das deutsche Bild der Italiener
Dass "der Italiener" in Deutschland kein gutes Image hat, ist sicherlich der mangelnden Integrationsbereitschaft des deutschen Volkes und der deutschen Politik geschuldet. So jährte sich unlängst 2005 zum 50. Mal der deutsch-italienische Anwerbevertrag. Dass Deutschland sich und seine Bevölkerung bis in jetzige Jahrtausend nicht auf eine Integration der angeworbenen Arbeiter vorbereitete, führte strukturell zu einer Isolation italienischer Kultur in Deutschland. So blieb das italienische immer typisch italienisch und daher fremd. Beide Kulturen bemühten sich von vornherein um Abgrenzung und Bewahrung, was zwangsläufig zu Klischee- und Feinbildern führt, weil man sich dann nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen muss. Man kann einfach auf das Klischee verweisen. Die Klischeebildung hat eine lange Tradition, die mehrere Generationen mitgetragen und bestärkt haben. Diese stereotypen Bilder sind in sportlichen Auseinandersetzung natürlich besonders fruchtbar und kommen dort auch massenmedial excellent zum Tragen. Dass heute nur noch in seltenen Fällen (des Fußballs!) gegen Italien gewettert wird, liegt darin, dass sich das deutsche Volk heute nicht mehr von Italienern "unterwandert" fühlt sondern eher von Türken, Russen, Polen. Damit ist nicht gemeint, dass die Integration von Italienern in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen sei (wenn man mal von der kulturellen Einverleibung der Pizza und des italienischen Eiscafés absieht). Vielmehr haben sich die Angriffsziele der kulturellen Abgrenzungsbewegungen auf andere Volksgruppen verschoben. Nach wie vor versteht sich Deutschland in seiner politischen und alltäglichen Lebenspraxis nicht als Einwanderungsland, dessen Bevölkerung und Regierung einen ernsthaften Beitrag zur Integration ausländischer Mitbürger leisten will und kann.
Die Reaktivierung der stereotypen Klischees
Unter der Voraussetzung, dass deutsch-italienische Klischees erstens eine lang gelebte Tradition haben und zweitens in Deutschland nach wie vor keine offene, auf Integration zielende Einstellung der Bevölkerung zu beobachten ist, lässt sich nun verstehen, warum diese Klischees auch sachliche Analysen überlagern und die Autoren für ein abgewogenes Urteil blind machen.
Denn die weiterhin bestehenden Ressentiments wirken auch bei den SchreiberInnen. Exemplarisch lässt sich an der moralisch aufgeladenen Beschreibung "des Italienischen Fußballs" die mit Vorurteilen belastete, auf Abgrenzung zielende Haltung einer Bevölkerung schließen. Denn die Funktion von Klischees ist ja gerade, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen muss, sondern nur das sehen kann, was man vorher schon wusste. Diese kognitive Eingrenzung der Schreiber führt dazu, dass sie nur das Spiel und die darin verwickelten Italiener sehen können, die in ihren Köpfen schon vorher bestanden. Sie werden immer ein "erschlichenes, hinterlistiges, hässliches" italienisches Spiel sehen müssen, weil keine anderen Bewertungsmuster dafür bereit stehen. Den Journalisten muss man an dieser Stelle natürlich vorhalten, dass sie ihren Beruf verfehlt haben. Dass diese Artikel von den Lesern mit Beifall bejubelt werden ist aber ein starkes Motiv trotzdem solch einen Unsinn zu schreiben. Diese Reaktion zeigt dann wiederum wie die Stimmung in unserem Land ist und wie viel Integration überhaupt möglich ist.
Niklas Luhmann beschreibt solch eine Einstellung im übrigen mit dem Begriff des normativen Erwartens. Wenn trotz kontrafaktischen Erlebens an den formulierten Erwartungen festgehalten wird, ist man in keinster Weise lernfähig. Und es ist im folge der hier skizzierten Überlegungen davon auszugehen, dass die Erwartung an den "unfairen, schleimigen" italienischen Fußball in Deutschland kontrafaktisch stabilisiert und institutionell verankert ist. Das erklärt zumindest, warum man immer wieder fachlich falsche und journalistisch schlechte Berichte über den italienischen Fußball in den deutschen Medien lesen muss.
Das wahre Ausmaß journalistischer Unsachlichkeit wird sich aber erst dann beobachten lassen können wenn Deutschland in der Gruppenphase der EM 2008 zusammen mit Griechenland [oder Niederlande] Italien und der Türkei [oder Russland oder Polen] um das Weiterkommen kämpft. Dann wird man Spieltag für Spieltag lesen müssen, was "der Deutsche" denkt.
Mittwoch, 21. November 2007
»Schiedsrichter, Telefon, deine Alte wartet schon!«
Warum es keine guten Schiedsrichter geben kann.
Jeder Besucher eines Fußballspiels, ob in Bundesliga oder Amateurklasse, kennt die Momente des Spiels, wo das Publikum auf Grund einer nur allzu offensichtlichen Fehlentscheidung zur großen Schiri-Schelte ansetzt. Der Ruf zum Telefon ist da noch die freundlichste Variante. Aktuell wird die Debatte um Fehlentscheidungen aber auch in den Verbänden und Medien ernsthaft diskutiert und mit der Forderung nach der Torkamera, dem Chip im Ball oder der Aufstockung des Schiedsrichtergespanns um zwei Torrichter verbunden. Die spannenden Fragen nach der Leistung der Schiedsrichter kann man auch der Soziologie stellen. Aufschlussreiche Erkenntnisse liefert Erwing Goffmans Interaktionsanalyse mit der sich zeigen lässt welche Rolle ein Schiedsrichter spielen muss und warum er sich gerade deswegen bei seinen Entscheidungen dem Zufall ausliefert und so immer auch Fehler machen wird. Daran anschließend lässt sich zeigen, dass technische Lösungen oder ein größeres Gespann die Leistungen des Schiedsrichters noch verschlechtern oder gar unmöglich machen werden.
Darstellung
Denn der Schiedsrichter spielt in der Inszenierung des Fußballspiels eine Rolle, die ihre eigenen Notwendigkeiten verlangt und nun geklärt werden soll. Man muss als erstes fragen, ob der Schiedsrichter wahrhaftig an seine Rolle glaubt oder eher in eine zynische Distanz zu seiner Rolle tritt. Es erscheint relativ eindeutig, dass der Schiedsrichter, insbesondere im Profifußball, an seine eigene Rolle glaubt und davon überzeugt ist, dass "der Eindruck von Realität, den er inszeniert, 'wirkliche' Realität sei. Teilt das Publikum diesen Glauben an sein Spiel - und das scheint der Normalfall zu sein -, so wird wenigstens für den Augenblick nur noch der Soziologe oder der sozial Desillusionierte irgendwelche Zweifel an der 'Realität' des Dargestellten hegen". Zweifel sind angemeldet, und zwar aus beiden Gründen. Denn häufig wird bei Fehlentscheidungen des Schiedsrichters in der spontanen und auch bei der späteren Analyse nur individuell, nämlich als persönlicher "Patzer" zugerechnet. Das gilt es aber zu bezweifeln. Denn viel häufiger sind die soziale Situation der Entscheidung und die an die Rollenerwartungen gebundenen Darstellungszwänge stärker für die Entstehung der Entscheidung verantwortlich, als dies bei rein individuellen Zurechnungen deutlich wird. Um diesen Punkt zu verstehen, muss man die die Fassade des Schiedsrichters mit Hilfe des Bühnenbildes, der Erscheinung und des Verhaltens analysieren.
Das Bühnenbild ist hier leicht erklärt und beschrieben: Ein (möglichst) volles Stadion in dem "das Spiel der Spiele" stattfindet, Flutlicht, 22 Spieler, zwei Trainer und das Schiedsrichtergespann. Dieses Bühnenbild ist natürlich idealisiert, macht aber auch in kleinerem Ausmaße für die Rolle des Schiedsrichters deutlich, dass er sich in einen Bühnenbild befindet, welches er in seiner normalen Alltagsumgebung nicht vorfinden wird. Daher hat das mit der Rolle verbundene Bühnenbild für den Schiedsrichter eine hohe Bedeutung, selbst oder erst recht, wenn es für ihn zur Routine geworden ist, in den größten und spannendsten Arenen der Welt ein und aus zu gehen. Diese Wichtigkeit verstärkt die wahrhafte und gründliche Ausführung seiner Rolle.
Die Erscheinung des Schiedsrichters ist ebenso klar: Knallgelbes Jersey (in Ausnahmefällen rot, sehr ungern grün) mit schwarz abgesetzter Hose, laute Trillerpfeife, gelbe und rote Karte zur Hand und ein kleiner Notizzettel. Mit dieser Erscheinung vermittelt der Schiedsrichter seine formelle Rolle in der Inszenierung des Spiels. Er ist der einzige und autoritäre Entscheider auf dem Platz. Seine Entscheidungen sind endgültig und nicht zu diskutieren. Nicht umsonst erscheint er in Uniform, die ihre Gestaltung der Polizei- und Militäruniformen entlehnt. Die allgemeines Wirkung einer Uniform lässt sich im "Hauptmann von Köpenick" vorzüglich nachlesen.
Sein Verhalten zeigt eben jene Autorität noch einmal verstärkt an: Sein Gang ist aufrecht, er hat alles im Blick, ist fit, hellwach und konzentriert (Florian Meyer). Kurz: Er hat alles im Blick und das ganze Geschehen unter Kontrolle (Babak Rafati). Das kann und darf nicht bezweifelt werden. Gleichzeitig strahlt er aber auch eine Locker- und Lässigkeit aus (der zwinkernde Merk), die deutlich zu erkennen geben will, dass er mit dieser Situation keineswegs überfordert ist.
Ist die Übereinstimmung von Bühnenbild, Erscheinen und Verhalten groß, so kann man von einem Idealtypus sprechen. Der oben beschriebene Idealtypus trifft auf alle Schiedsrichter der ersten Liga zu, wird aber auch für die meisten Schiedsrichter unterer Spielklassen noch gültig sein, weil sie sonst diese Stelle gar nicht besetzen würden. Sie würden einfach nicht ausgewählt, entsprächen sie nicht dieser idealtypischen Darstellung. Allerdings ist diese Inszenierung natürlich kein Selbstzweck, sondern geschieht auf Grund der Erwartungen des Publikums und insbesondere auf Grund der anderen Mitwirkenden Ensembles, den Spielern.
Dramatische Gestaltung
Durch die dramatische Gestaltung seiner Handlung gibt der darstellende Schiedsrichter die notwendigen Hinweise, damit seine Handlung dem Publikum (und sich selbst) sinnhaft erscheint: "Denn wenn die Tätigkeit des Einzelnen Bedeutung für andere gewinnen soll, muss er sie so gestalten, dass sie während der Interaktion das ausdrückt, was er mitteilen will." Für den Schiedsrichter erscheint es ohne weiteres nachvollziehbar, ja geradezu zwingend, dass er mit seinem Handeln während der Interaktion etwas mitteilen möchte. Und gerade die kniffeligen Entscheidungen (Abseits, Tor, Foul, Elfmeter, usf.) verlangen von ihm, dass er in Sekundenbruchteilen seine Fähigkeiten darstellen (!) muss. Und das hat fatale Folgen für die Möglichkeit "richtigen" Entscheidens. Da ein Schiedsrichter seine Entscheidung als eine richtige, angemessene und vor allem souveräne Entscheidung darstellen muss, muss er sofort und ohne Zögern mit Absolutheit entscheiden. Das hat dann aber zur Folge, dass er den kurzen Augenblick einer Reflexion nicht nutzen kann, der für ein wirklich abgesichertes Urteil nötig wäre. Ihm fehlt also aus Gründen der notwendigen Darstellung seiner Handlung die Sicherheit in seiner Entscheidung. Dies wird er im Regelfall mit noch stärkerer Darstellung kompensieren. So macht sich ein Teufelskreis auf, der den Schiedsrichter dazu nötigt mehr und mehr den Notwendigkeiten seiner Darstellung nach zu kommen, als der eigentlichen Handlung. Er liefert sich so dem Zufall aus.
Es gibt keine „guten“ Schiedsrichter
Bei jeder Schiri-Schelte muss man in Zukunft also bedenken, dass die Richter des Rasens in ihrer eigenen Rolle gefangen sind und dass es dabei notwendig zur Reduktion ihrer Leistungsfähigkeit kommen muss, sofern man – wie üblich - die Anzahl „objektiv richtiger“ Entscheidung als Bewertungsgrundlage heranzieht. Es handelt sich also nicht um eine Frage der willentlichen Entscheidung! Nein, es ist die im Spiel institutionalisierte Rolle des Schiedsrichters, die ihn von seiner eigentlichen Leistung fernhält. Ändern ließe sich das nicht dadurch, dass man an die Schiedsrichter appelliert doch endlich „richtig“ zu entscheiden, besser zu trainieren oder genauer hinzuschauen. Sollte man nämlich vorhaben mündige, entscheidungsfähige Schiedsrichter im Sport entscheiden zu lassen, dann müsste man die institutionalisierte Rollenbeschreibung des Schiedsrichters und letztlich das ganze Spiels verändern. Ein Bild des nachdenkenden, Entscheidungen korrigierenden, räsonierenden und flexiblen Schiedsrichters, der Fehler machen darf, käme dem wohl am nächsten und zeigt ebenso bildlich die Unvereinbarkeit mit einem Sport, der auf schnelles Erleben ineinander übergehender Spielsituationen abzielt. Es gibt also keine „guten“ Schiedsrichter in diesem Spiel.
Geht es nun um den Umgang mit Fehlentscheidungen und den daraus resultierenden Forderungen sollte man nicht nur bedenken, dass die sozialen Darstellungsnotwendigkeiten der Schiedsrichterrolle einer guten Leistung im Wege stehen und es sich daher gerade nicht um individuelle Patzer oder Schwächen des Schiedsrichters handelt, auch wenn es zu noch so offensichtlichen Fehlentscheidungen kommt. Man sollte dann auch bedenken, was die geforderten Neuerungen für die Chancen und Risiken der Darstellung des Schiedsrichters bedeuten. Unter dieser Berücksichtigung kann man nun nach dem Nutzen von Torkamera und Torrichtern fragen.
Der Torschiedsrichter im Ensemble
Was würde ein/e weiter/e Mann/Frau (so muss man das jetzt ja zumindest für den deutschen Fußball schreiben) am Tor bringen? Nichts. Denn wie Uli Hoeneß völlig richtig anmerkte, müssten die meisten Torentscheidungen bereits korrekt vom Schiedsrichter getroffen werden. Dass er dies nur in den seltensten Fällen abgesichert tun kann, wurde beschrieben. Und die weiteren Schiedsrichter am Tor wären den gleichen Zwängen unterlegen, wie der oberste Feldherr auf dem Platz: In erster Linie müssen sie ihre Leistung darstellen, was zur beschriebenen Fehleranfälligkeit führt. Darüber hinaus müssen die Schiedsrichter als gemeinsames Ensemble auftreten. So ergeben sich gemeinsame Darstellungszwänge, die vor allem die Entscheidunsfreiheit des Einzelnen in dem Maße beschränken, als dass er immer auch die gemeinsame Darstellung als souveränes Schiedsrichterteam aufrecht erhalten muss. So wird ein offener Dissens nicht möglich sein, wenn einer der Schiedsrichter bereits entschieden hat, da ein Widerspruch immer auch die Gefahr bedeutet das gemeinsame (Schau-) Spiel zu unterlaufen. Was das für Probleme für die Autorität des Gespanns und den weiteren Spielablauf bedeutet, lässt sich auch jetzt schon in den seltenen Momenten des Dissens zwischen Linien- und Feldschiedsrichter beobachten. So hört der Verteidiger auf den Stürmer zu verfolgen, weil die Abseitsfahne oben ist, der Stürmer aber schießt aufs Tor, weil kein Pfiff ertönt. Das Tor zählt, das Publikum und die Spieler sind außer sich. Diesen Schaden während des Spiels zu reparieren ist nahezu unmöglich. Die Risiken der inkonsistenten Darstellung werden mit jedem zusätzlichen Mitglied des Ensembles größer, weshalb sogar anzunehmen ist, dass mit weiteren Schiedsrichtern eher weitere Störungen für Spiel wahrscheinlich werden, als dass man „richtigere“ Entscheidungen der Schiedsrichter ermöglicht.
Die Torkamera und der verborgene Entscheider im Ensemble
Gäbe es eine Torkamera, so wäre der Schiedsrichter vordergründig von unmittelbarer Entscheidung entlastet. Die Last des „richtigen“ Entscheidens läge dann aber im Regieraum oder besser noch an der Seitenlinie, wo ein weiterer Richter die Bilder der Torkamera begutachtet. In dieser Situation der als störend empfundenen Spielunterbrechung muss aber auch der Kamerarichter schnell und souverän entscheiden, was zur selben Fehleranfälligkeit führt. Und dass er dabei leider nicht auf die Bilder der Kameras vertrauen kann hat das ZDF auf beeindruckende Weise durch aufwendige 3D-Animationen gezeigt. Dort war zu sehen, dass Bälle, die auf den ersten Blick der Torkamera hinter der Linie sind, in Wirklichkeit die Linie noch nicht überschritten haben und umgekehrt. Eine besondere Gefahr für das Ensemble geht dabei vom Kamerarichter aus, weil er mit den technischen Hilfsmitteln die etablierte Autorität des Feldschiedsrichters sehr leicht untergraben und somit eine geordnete Inszenierung empfindlich stören kann. Denn gerade die vermeintliche Überlegenheit einer eingesetzten Technik bedeutet für die anderen Schiedsrichter eine potentiell sofortige Demontage und damit ein nicht mehr handhabbares Risiko. Tatsächlich wird der Feldschiedsrichter also bei seiner Entscheidung nicht entlastet, sondern durch die nun jeder Zeit lauernde Entlarvung nur noch mehr unter Druck gesetzt. Das wird dann zu Lähmung oder noch stärkerer Darstellung führen, wobei beide Ausprägungen kaum förderlich für einen reibungslosen Spielablauf wären.
Fehlentscheidungen als notwendiges Übel
Im Anschluss an diese Betrachtungen muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Funktion des Schiedsrichters nicht in erster Linie darin liegen kann „objektiv richtige“ Entscheidungen zu fällen. Misst man den Schiedsrichter allerdings an „richtigen“ Entscheidungen, so ist er dazu verdammt eine schlechte Leistung abzuliefern. Eine gute Leistung des Schiedsrichters drückt sich aber vor allem durch die Gewährleistung eines reibungslosen Ablaufs der Inszenierung Fußballspiel aus. Lücken- und widerspruchslose Inszenierung ist dabei das Maß aller Dinge, bringt aber den leider nicht zu behebenden Makel der Fehlentscheidungen mit sich. Auch Torrichter- und kamera werden Fehlentscheidungen eher noch begünstigen und darüber hinaus auch auch noch die eigentliche Funktion des Schiedsrichters behindern und so den Spielablauf empfindlich stören. Daher sollten die Fehler des Schiedsrichters als notwendiges Übel einkalkuliert und ertragen werden, auch wenn das bei der Benachteiligung der eigenen Mannschaft besonders schwer fällt. Doch am Ende einer Saison gleichen sich meisten alle Fehler aus.
Literatur: Goffman, Erwing (2006, 4. Auflage): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München: Piper
Dieses Essay ist im Rahmen der Veranstaltung "Interaktion in Organisationen - empirische und theoretische Zugänge" bei Prof. Dr. Stefan Kühl an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld entstanden.
Jeder Besucher eines Fußballspiels, ob in Bundesliga oder Amateurklasse, kennt die Momente des Spiels, wo das Publikum auf Grund einer nur allzu offensichtlichen Fehlentscheidung zur großen Schiri-Schelte ansetzt. Der Ruf zum Telefon ist da noch die freundlichste Variante. Aktuell wird die Debatte um Fehlentscheidungen aber auch in den Verbänden und Medien ernsthaft diskutiert und mit der Forderung nach der Torkamera, dem Chip im Ball oder der Aufstockung des Schiedsrichtergespanns um zwei Torrichter verbunden. Die spannenden Fragen nach der Leistung der Schiedsrichter kann man auch der Soziologie stellen. Aufschlussreiche Erkenntnisse liefert Erwing Goffmans Interaktionsanalyse mit der sich zeigen lässt welche Rolle ein Schiedsrichter spielen muss und warum er sich gerade deswegen bei seinen Entscheidungen dem Zufall ausliefert und so immer auch Fehler machen wird. Daran anschließend lässt sich zeigen, dass technische Lösungen oder ein größeres Gespann die Leistungen des Schiedsrichters noch verschlechtern oder gar unmöglich machen werden.
Darstellung
Denn der Schiedsrichter spielt in der Inszenierung des Fußballspiels eine Rolle, die ihre eigenen Notwendigkeiten verlangt und nun geklärt werden soll. Man muss als erstes fragen, ob der Schiedsrichter wahrhaftig an seine Rolle glaubt oder eher in eine zynische Distanz zu seiner Rolle tritt. Es erscheint relativ eindeutig, dass der Schiedsrichter, insbesondere im Profifußball, an seine eigene Rolle glaubt und davon überzeugt ist, dass "der Eindruck von Realität, den er inszeniert, 'wirkliche' Realität sei. Teilt das Publikum diesen Glauben an sein Spiel - und das scheint der Normalfall zu sein -, so wird wenigstens für den Augenblick nur noch der Soziologe oder der sozial Desillusionierte irgendwelche Zweifel an der 'Realität' des Dargestellten hegen". Zweifel sind angemeldet, und zwar aus beiden Gründen. Denn häufig wird bei Fehlentscheidungen des Schiedsrichters in der spontanen und auch bei der späteren Analyse nur individuell, nämlich als persönlicher "Patzer" zugerechnet. Das gilt es aber zu bezweifeln. Denn viel häufiger sind die soziale Situation der Entscheidung und die an die Rollenerwartungen gebundenen Darstellungszwänge stärker für die Entstehung der Entscheidung verantwortlich, als dies bei rein individuellen Zurechnungen deutlich wird. Um diesen Punkt zu verstehen, muss man die die Fassade des Schiedsrichters mit Hilfe des Bühnenbildes, der Erscheinung und des Verhaltens analysieren.
Das Bühnenbild ist hier leicht erklärt und beschrieben: Ein (möglichst) volles Stadion in dem "das Spiel der Spiele" stattfindet, Flutlicht, 22 Spieler, zwei Trainer und das Schiedsrichtergespann. Dieses Bühnenbild ist natürlich idealisiert, macht aber auch in kleinerem Ausmaße für die Rolle des Schiedsrichters deutlich, dass er sich in einen Bühnenbild befindet, welches er in seiner normalen Alltagsumgebung nicht vorfinden wird. Daher hat das mit der Rolle verbundene Bühnenbild für den Schiedsrichter eine hohe Bedeutung, selbst oder erst recht, wenn es für ihn zur Routine geworden ist, in den größten und spannendsten Arenen der Welt ein und aus zu gehen. Diese Wichtigkeit verstärkt die wahrhafte und gründliche Ausführung seiner Rolle.
Die Erscheinung des Schiedsrichters ist ebenso klar: Knallgelbes Jersey (in Ausnahmefällen rot, sehr ungern grün) mit schwarz abgesetzter Hose, laute Trillerpfeife, gelbe und rote Karte zur Hand und ein kleiner Notizzettel. Mit dieser Erscheinung vermittelt der Schiedsrichter seine formelle Rolle in der Inszenierung des Spiels. Er ist der einzige und autoritäre Entscheider auf dem Platz. Seine Entscheidungen sind endgültig und nicht zu diskutieren. Nicht umsonst erscheint er in Uniform, die ihre Gestaltung der Polizei- und Militäruniformen entlehnt. Die allgemeines Wirkung einer Uniform lässt sich im "Hauptmann von Köpenick" vorzüglich nachlesen.
Sein Verhalten zeigt eben jene Autorität noch einmal verstärkt an: Sein Gang ist aufrecht, er hat alles im Blick, ist fit, hellwach und konzentriert (Florian Meyer). Kurz: Er hat alles im Blick und das ganze Geschehen unter Kontrolle (Babak Rafati). Das kann und darf nicht bezweifelt werden. Gleichzeitig strahlt er aber auch eine Locker- und Lässigkeit aus (der zwinkernde Merk), die deutlich zu erkennen geben will, dass er mit dieser Situation keineswegs überfordert ist.
Ist die Übereinstimmung von Bühnenbild, Erscheinen und Verhalten groß, so kann man von einem Idealtypus sprechen. Der oben beschriebene Idealtypus trifft auf alle Schiedsrichter der ersten Liga zu, wird aber auch für die meisten Schiedsrichter unterer Spielklassen noch gültig sein, weil sie sonst diese Stelle gar nicht besetzen würden. Sie würden einfach nicht ausgewählt, entsprächen sie nicht dieser idealtypischen Darstellung. Allerdings ist diese Inszenierung natürlich kein Selbstzweck, sondern geschieht auf Grund der Erwartungen des Publikums und insbesondere auf Grund der anderen Mitwirkenden Ensembles, den Spielern.
Dramatische Gestaltung
Durch die dramatische Gestaltung seiner Handlung gibt der darstellende Schiedsrichter die notwendigen Hinweise, damit seine Handlung dem Publikum (und sich selbst) sinnhaft erscheint: "Denn wenn die Tätigkeit des Einzelnen Bedeutung für andere gewinnen soll, muss er sie so gestalten, dass sie während der Interaktion das ausdrückt, was er mitteilen will." Für den Schiedsrichter erscheint es ohne weiteres nachvollziehbar, ja geradezu zwingend, dass er mit seinem Handeln während der Interaktion etwas mitteilen möchte. Und gerade die kniffeligen Entscheidungen (Abseits, Tor, Foul, Elfmeter, usf.) verlangen von ihm, dass er in Sekundenbruchteilen seine Fähigkeiten darstellen (!) muss. Und das hat fatale Folgen für die Möglichkeit "richtigen" Entscheidens. Da ein Schiedsrichter seine Entscheidung als eine richtige, angemessene und vor allem souveräne Entscheidung darstellen muss, muss er sofort und ohne Zögern mit Absolutheit entscheiden. Das hat dann aber zur Folge, dass er den kurzen Augenblick einer Reflexion nicht nutzen kann, der für ein wirklich abgesichertes Urteil nötig wäre. Ihm fehlt also aus Gründen der notwendigen Darstellung seiner Handlung die Sicherheit in seiner Entscheidung. Dies wird er im Regelfall mit noch stärkerer Darstellung kompensieren. So macht sich ein Teufelskreis auf, der den Schiedsrichter dazu nötigt mehr und mehr den Notwendigkeiten seiner Darstellung nach zu kommen, als der eigentlichen Handlung. Er liefert sich so dem Zufall aus.
Es gibt keine „guten“ Schiedsrichter
Bei jeder Schiri-Schelte muss man in Zukunft also bedenken, dass die Richter des Rasens in ihrer eigenen Rolle gefangen sind und dass es dabei notwendig zur Reduktion ihrer Leistungsfähigkeit kommen muss, sofern man – wie üblich - die Anzahl „objektiv richtiger“ Entscheidung als Bewertungsgrundlage heranzieht. Es handelt sich also nicht um eine Frage der willentlichen Entscheidung! Nein, es ist die im Spiel institutionalisierte Rolle des Schiedsrichters, die ihn von seiner eigentlichen Leistung fernhält. Ändern ließe sich das nicht dadurch, dass man an die Schiedsrichter appelliert doch endlich „richtig“ zu entscheiden, besser zu trainieren oder genauer hinzuschauen. Sollte man nämlich vorhaben mündige, entscheidungsfähige Schiedsrichter im Sport entscheiden zu lassen, dann müsste man die institutionalisierte Rollenbeschreibung des Schiedsrichters und letztlich das ganze Spiels verändern. Ein Bild des nachdenkenden, Entscheidungen korrigierenden, räsonierenden und flexiblen Schiedsrichters, der Fehler machen darf, käme dem wohl am nächsten und zeigt ebenso bildlich die Unvereinbarkeit mit einem Sport, der auf schnelles Erleben ineinander übergehender Spielsituationen abzielt. Es gibt also keine „guten“ Schiedsrichter in diesem Spiel.
Geht es nun um den Umgang mit Fehlentscheidungen und den daraus resultierenden Forderungen sollte man nicht nur bedenken, dass die sozialen Darstellungsnotwendigkeiten der Schiedsrichterrolle einer guten Leistung im Wege stehen und es sich daher gerade nicht um individuelle Patzer oder Schwächen des Schiedsrichters handelt, auch wenn es zu noch so offensichtlichen Fehlentscheidungen kommt. Man sollte dann auch bedenken, was die geforderten Neuerungen für die Chancen und Risiken der Darstellung des Schiedsrichters bedeuten. Unter dieser Berücksichtigung kann man nun nach dem Nutzen von Torkamera und Torrichtern fragen.
Der Torschiedsrichter im Ensemble
Was würde ein/e weiter/e Mann/Frau (so muss man das jetzt ja zumindest für den deutschen Fußball schreiben) am Tor bringen? Nichts. Denn wie Uli Hoeneß völlig richtig anmerkte, müssten die meisten Torentscheidungen bereits korrekt vom Schiedsrichter getroffen werden. Dass er dies nur in den seltensten Fällen abgesichert tun kann, wurde beschrieben. Und die weiteren Schiedsrichter am Tor wären den gleichen Zwängen unterlegen, wie der oberste Feldherr auf dem Platz: In erster Linie müssen sie ihre Leistung darstellen, was zur beschriebenen Fehleranfälligkeit führt. Darüber hinaus müssen die Schiedsrichter als gemeinsames Ensemble auftreten. So ergeben sich gemeinsame Darstellungszwänge, die vor allem die Entscheidunsfreiheit des Einzelnen in dem Maße beschränken, als dass er immer auch die gemeinsame Darstellung als souveränes Schiedsrichterteam aufrecht erhalten muss. So wird ein offener Dissens nicht möglich sein, wenn einer der Schiedsrichter bereits entschieden hat, da ein Widerspruch immer auch die Gefahr bedeutet das gemeinsame (Schau-) Spiel zu unterlaufen. Was das für Probleme für die Autorität des Gespanns und den weiteren Spielablauf bedeutet, lässt sich auch jetzt schon in den seltenen Momenten des Dissens zwischen Linien- und Feldschiedsrichter beobachten. So hört der Verteidiger auf den Stürmer zu verfolgen, weil die Abseitsfahne oben ist, der Stürmer aber schießt aufs Tor, weil kein Pfiff ertönt. Das Tor zählt, das Publikum und die Spieler sind außer sich. Diesen Schaden während des Spiels zu reparieren ist nahezu unmöglich. Die Risiken der inkonsistenten Darstellung werden mit jedem zusätzlichen Mitglied des Ensembles größer, weshalb sogar anzunehmen ist, dass mit weiteren Schiedsrichtern eher weitere Störungen für Spiel wahrscheinlich werden, als dass man „richtigere“ Entscheidungen der Schiedsrichter ermöglicht.
Die Torkamera und der verborgene Entscheider im Ensemble
Gäbe es eine Torkamera, so wäre der Schiedsrichter vordergründig von unmittelbarer Entscheidung entlastet. Die Last des „richtigen“ Entscheidens läge dann aber im Regieraum oder besser noch an der Seitenlinie, wo ein weiterer Richter die Bilder der Torkamera begutachtet. In dieser Situation der als störend empfundenen Spielunterbrechung muss aber auch der Kamerarichter schnell und souverän entscheiden, was zur selben Fehleranfälligkeit führt. Und dass er dabei leider nicht auf die Bilder der Kameras vertrauen kann hat das ZDF auf beeindruckende Weise durch aufwendige 3D-Animationen gezeigt. Dort war zu sehen, dass Bälle, die auf den ersten Blick der Torkamera hinter der Linie sind, in Wirklichkeit die Linie noch nicht überschritten haben und umgekehrt. Eine besondere Gefahr für das Ensemble geht dabei vom Kamerarichter aus, weil er mit den technischen Hilfsmitteln die etablierte Autorität des Feldschiedsrichters sehr leicht untergraben und somit eine geordnete Inszenierung empfindlich stören kann. Denn gerade die vermeintliche Überlegenheit einer eingesetzten Technik bedeutet für die anderen Schiedsrichter eine potentiell sofortige Demontage und damit ein nicht mehr handhabbares Risiko. Tatsächlich wird der Feldschiedsrichter also bei seiner Entscheidung nicht entlastet, sondern durch die nun jeder Zeit lauernde Entlarvung nur noch mehr unter Druck gesetzt. Das wird dann zu Lähmung oder noch stärkerer Darstellung führen, wobei beide Ausprägungen kaum förderlich für einen reibungslosen Spielablauf wären.
Fehlentscheidungen als notwendiges Übel
Im Anschluss an diese Betrachtungen muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Funktion des Schiedsrichters nicht in erster Linie darin liegen kann „objektiv richtige“ Entscheidungen zu fällen. Misst man den Schiedsrichter allerdings an „richtigen“ Entscheidungen, so ist er dazu verdammt eine schlechte Leistung abzuliefern. Eine gute Leistung des Schiedsrichters drückt sich aber vor allem durch die Gewährleistung eines reibungslosen Ablaufs der Inszenierung Fußballspiel aus. Lücken- und widerspruchslose Inszenierung ist dabei das Maß aller Dinge, bringt aber den leider nicht zu behebenden Makel der Fehlentscheidungen mit sich. Auch Torrichter- und kamera werden Fehlentscheidungen eher noch begünstigen und darüber hinaus auch auch noch die eigentliche Funktion des Schiedsrichters behindern und so den Spielablauf empfindlich stören. Daher sollten die Fehler des Schiedsrichters als notwendiges Übel einkalkuliert und ertragen werden, auch wenn das bei der Benachteiligung der eigenen Mannschaft besonders schwer fällt. Doch am Ende einer Saison gleichen sich meisten alle Fehler aus.
Literatur: Goffman, Erwing (2006, 4. Auflage): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München: Piper
Dieses Essay ist im Rahmen der Veranstaltung "Interaktion in Organisationen - empirische und theoretische Zugänge" bei Prof. Dr. Stefan Kühl an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld entstanden.
Dienstag, 20. November 2007
Ashkan Dejagah und die schwierige Frage: Wie geht man mit seiner Länderspielabsage um?
Ich habe mich ja erst einmal zurückgehalten mit der Diskussion obiger Frage. Denn in erster Linie finde ich es wirklich kompliziert dazu Stellung zu beziehen, wenn ein iranischstämmiger deutscher Nationalspieler nicht an einem Länderspiel gegen Israel teilnimmt. Leider gleitet die Diskussion häufig in Richtungen ab, die entweder knapp unter der Grasnarbe angesiedelt sind oder in Populismus enden. Die Frage ist dafür aber zu wichtig, weshalb ich mich ihr hier auch noch einmal zuwenden werde...
Warum ist die Beantwortung der Frage über den Umgangs mit der Absage Askan Dejagahs so schwierig?
1. Man kennt seine Gründe nicht. "Politisch" motiviert halte ich erst mal für fragwürdig, weil das zitierte Interview erstens dem Boulevard entstammt und zweitens wohl veraltet (!) ist. Sofern nicht das Gegenteil bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung.
2. Ashkan Dejagah ist Kind iranischer Einwanderer und somit ein typisches Beispiel für die Integrationspolitik unseres Landes. "Gegen die Wand", "Auf der anderen Seite" sind nur einige - dafür aber mit die bekanntesten - kulturellen Werke, die sich mit der Problematik von Einwandererfamilien befassen und eines ganz deutlich zeigen: Im Spagat zwischen den Kulturen kann man vor allem alles falsch machen und in der Regel nichts richtig. Ein Konflikt zwischen Iran und Israel mit Deutschland als historisch vorbelastetes Land mittendrin, ist ein Konflikt mit einem Ausmaß, das selbst eingefleischte Experten den Durchblick verhindert. Kurz: Ein Konflikt solchen Ausmaßes ist nicht zu lösen, weil die Fronten überall verhärtet sind. Sich in solch einer Situation "richtig" zu verhalten ist nur (!) für diejenigen möglich, die einer streng dogmatischen Linie folgen und die Welt in Gut und Böse unterteilen. Mir ist es egal, auf welcher Seite diese Menschen stehen: Diese Menschen heizen den Konflikt eher an, als integrative Lösungen zu erstreben. Diese Leute haben sich dafür disqualifiziert ein Urteil zu fällen.
Diejenigen, die zwischen den Fronten stehen und versuchen alle Standpunkte in ihrer Urteilsbildung zu vereinen, die werden an der Komplexität des Problems scheitern und zu keinem abgewägten Urteil kommen können. Ist dies aber einmal klar, dann muss man mit Verurteilungen vorsichtig sein. Erst recht, wenn man in Rechnung stellt, dass Ashkan Dejagah als von vielen Seiten direkt (!) Betroffener es noch einmal wesentlich schwerer hat, "richtig" zu entscheiden.
Die Lasten jahrzentelang ungelöster und aufgeheizter Weltpolitk auf die schmalen Schultern eines 21-Jährigen zu legen ist nicht nur unfair, sondern unmenschlich.
Wie würdest du dich entscheiden? Diese Frage wird in diesem Kontext häufig diskutiert. Und man schaue sich nur mal einen der oben genannten Filme an und man kommt unweigerlich zu dem Entschluss: Entscheide oder sterbe! Entscheide und du entscheidest dich falsch und wirst sterben! Du kannst es nicht richtig machen...
Wer frei von Schuld ist werfe den ersten Stein...
3. Man muss in Rechnung stellen, dass er einen offensiven und ehrlichen Umgang mit dem Thema anstrebt. Ich erinnere nur an Ali Karimi, der für ein Spiel in Israel mit den Bayern "verletzt" war. Keiner hat sich beschwert, obwohl es offensichtlich war. Ashkan Dejagah macht sich hingegen angreifbar. Und das sollte man ersteinmal lobend hervorheben ohne ihn gleich reflexartig als Antisemit zu bezeichnen. Vielmehr macht er in dieser Situation in seiner Rolle als "Vorbild" alles richtig! Er bezieht Stellung und macht das Problem (wahrscheinlich ungewollt) öffentlich. Sollte aber unserer Gesellschaft ein integrativer Lösungsvorschlag für solche Situationen gelingen, könnte dies ein Meilenstein für alle Integrationsfamilien sein, die sich alltäglich zwischen all diesen Fragen und Forderungen aufreiben. Das geht aber nur mit viel Verständnis und Wohlwollen für alle Beteiligten und sicher geht es nicht mir Vorveruteilungen, Stigmatisierungen, Populismus oder humorigen Witzen.
Eine Auswahl aus der Blogosphäre:
Rob Alef
Bring back my words
Lightdots
Fußball, Fritten, Bier
Bolzplatz
Steckschuss
Endl
an.di.ary
Dieser Beitrag wurde am 11. Oktober 2007 bereits hier veröffentlicht.
Warum ist die Beantwortung der Frage über den Umgangs mit der Absage Askan Dejagahs so schwierig?
1. Man kennt seine Gründe nicht. "Politisch" motiviert halte ich erst mal für fragwürdig, weil das zitierte Interview erstens dem Boulevard entstammt und zweitens wohl veraltet (!) ist. Sofern nicht das Gegenteil bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung.
2. Ashkan Dejagah ist Kind iranischer Einwanderer und somit ein typisches Beispiel für die Integrationspolitik unseres Landes. "Gegen die Wand", "Auf der anderen Seite" sind nur einige - dafür aber mit die bekanntesten - kulturellen Werke, die sich mit der Problematik von Einwandererfamilien befassen und eines ganz deutlich zeigen: Im Spagat zwischen den Kulturen kann man vor allem alles falsch machen und in der Regel nichts richtig. Ein Konflikt zwischen Iran und Israel mit Deutschland als historisch vorbelastetes Land mittendrin, ist ein Konflikt mit einem Ausmaß, das selbst eingefleischte Experten den Durchblick verhindert. Kurz: Ein Konflikt solchen Ausmaßes ist nicht zu lösen, weil die Fronten überall verhärtet sind. Sich in solch einer Situation "richtig" zu verhalten ist nur (!) für diejenigen möglich, die einer streng dogmatischen Linie folgen und die Welt in Gut und Böse unterteilen. Mir ist es egal, auf welcher Seite diese Menschen stehen: Diese Menschen heizen den Konflikt eher an, als integrative Lösungen zu erstreben. Diese Leute haben sich dafür disqualifiziert ein Urteil zu fällen.
Diejenigen, die zwischen den Fronten stehen und versuchen alle Standpunkte in ihrer Urteilsbildung zu vereinen, die werden an der Komplexität des Problems scheitern und zu keinem abgewägten Urteil kommen können. Ist dies aber einmal klar, dann muss man mit Verurteilungen vorsichtig sein. Erst recht, wenn man in Rechnung stellt, dass Ashkan Dejagah als von vielen Seiten direkt (!) Betroffener es noch einmal wesentlich schwerer hat, "richtig" zu entscheiden.
Die Lasten jahrzentelang ungelöster und aufgeheizter Weltpolitk auf die schmalen Schultern eines 21-Jährigen zu legen ist nicht nur unfair, sondern unmenschlich.
Wie würdest du dich entscheiden? Diese Frage wird in diesem Kontext häufig diskutiert. Und man schaue sich nur mal einen der oben genannten Filme an und man kommt unweigerlich zu dem Entschluss: Entscheide oder sterbe! Entscheide und du entscheidest dich falsch und wirst sterben! Du kannst es nicht richtig machen...
Wer frei von Schuld ist werfe den ersten Stein...
3. Man muss in Rechnung stellen, dass er einen offensiven und ehrlichen Umgang mit dem Thema anstrebt. Ich erinnere nur an Ali Karimi, der für ein Spiel in Israel mit den Bayern "verletzt" war. Keiner hat sich beschwert, obwohl es offensichtlich war. Ashkan Dejagah macht sich hingegen angreifbar. Und das sollte man ersteinmal lobend hervorheben ohne ihn gleich reflexartig als Antisemit zu bezeichnen. Vielmehr macht er in dieser Situation in seiner Rolle als "Vorbild" alles richtig! Er bezieht Stellung und macht das Problem (wahrscheinlich ungewollt) öffentlich. Sollte aber unserer Gesellschaft ein integrativer Lösungsvorschlag für solche Situationen gelingen, könnte dies ein Meilenstein für alle Integrationsfamilien sein, die sich alltäglich zwischen all diesen Fragen und Forderungen aufreiben. Das geht aber nur mit viel Verständnis und Wohlwollen für alle Beteiligten und sicher geht es nicht mir Vorveruteilungen, Stigmatisierungen, Populismus oder humorigen Witzen.
Eine Auswahl aus der Blogosphäre:
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Dieser Beitrag wurde am 11. Oktober 2007 bereits hier veröffentlicht.
Sonntag, 18. November 2007
Sensemaking in Organisationen des Fußballs: Die deutsche Nationalmannschaft vor der WM 2006
Zusammenfassung:
Wie stellen sich moderne, professionelle Fußballmannschaften auf die Veränderungen ihrer Umwelt und den Wandel iherer eigenen Strukturen ein? Was sind die Bedingungen für den Erfolg einer fußballerischen Unternehmung? Auf Grundlage einer wissenssoziologischen, entscheidungsbezogenen Organisationstheorie gelingt es, mit Hilfe der zentralen Unterscheidung von impliziten und expliziten Wissensstrukturen die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen einer Organisation aufzuzeigen. Dass gerade die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen als maßgeblich für den Erfolg einer Fußballmannschaft angesehen werden müssen, kann am Beispiel der Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft vor der WM 2006 exemplarisch gezeigt werden.
Dieser Artikel ist Rahmen der Veranstaltung "Organisationswissen" bei Dr. Petra Hiller an der Universität Bielefeld entstanden.
Einleitung
„Wir müssen jetzt erstmal nachdenken. Nachdenken bedeutet, dass man über alles mögliche nachdenkt“ (Dieter Hoeneß). Wie kann man den Erfolg einer Fußballmannschaft aus organisationstheoretischer Perspektive erklären? Wollen Fußballmannschaften erfolgreich sein, müssen sie sich an die andauernde Veränderung ihrer Umwelt anpassen und sich selbst verändern. Organisationaler Wandel scheint der Schlüssel für den sportlichen Erfolg zu sein (vgl. Neumann 2003, Friedrichsen/Löhe: 2007). Denn nicht nur das Personal wird in unglaublich kurzen Intervallen gewechselt, auch die Taktik und die Hierarchie unterliegen permanenten Veränderungen. Ich betrachte in dieser Arbeit die deutsche Nationalmannschaft als Organisation und frage, warum es so schwierig ist, erfolgreichen organisationalen Wandel zu realisieren. Trotz aller Bemühungen und extensiven Nachdenkens ist der Wandel kaum planbar und der Erfolg bleibt häufig aus, ohne dass die Verantwortlichen wirklich sagen könnten, wo die Fehler liegen. Verkürzt stellte dies schon Otto Rehagel mit einem bekannten Bonmot fest: „Geld schießt keine Tore.“ Im Anschluss daran lautet die hier zu verhandelnde These, dass sich der organisationale Wandel vor allem deshalb als problematisch erweist, weil in der strategischen Entwicklung der Organisation zu wenig Wert auf die Veränderung der impliziten Wissensstrukturen der Organisation gelegt wird.
Um meine These zu stützen werde ich ein erfolgreiches Beispiel heranziehen: Das deutsche „Sommermärchen“. Hier gelingt es, exemplarisch zu zeigen, dass gerade die Strukturen abseits der formalen Organisation für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 ausschlaggebend sind. Eine zugespitzte Darstellung der Entwicklung findet sich im Film von Sönke Wortmann „Deutschland ein Sommermärchen“, welcher hier als Datengrundlage herangezogen wird. Darüberhinaus werde ich Ausschnitte eines Interviews diskutieren, welches mit Jürgen Klinsmann anlässlich seiner Vorstellung als Bundestrainer im Jahre 2004 geführt wurde.
Im ersten Schritt werde ich eine Begriffsbestimmung der Organisation vornehmen. Im Anschluss werden die formalen Strukturen der deutschen Nationalmannschaft beschrieben und als explizite Wissensstrukturen beobachtet (2), wobei hier kritisch zu fragen ist, ob organisationaler Wandel mit einem Modell der formalen Organisation hinreichend beschrieben werden kann. Nachdem ich die Konsequenzen der Prämisse operativer Schließung diskutiert habe (3), werde ich auf die Funktion impliziter Wissensstrukturen eingehen (4) um ihre Bedeutung für den erfolgreichen organisationalen Wandel der deutschen Nationalmannschaft herausstellen zu können (5). Abschließend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen (6).
1. Die Organisation der deutschen Nationalmannschaft
Ich denke, dass es für die Diskussion der These ausreichend ist, einen einfachen Begriff der Organisation zu Grunde zu legen. Nach Luhmann (2006: 112ff) ist die Frage der Mitgliedschaft die zentrale Unterscheidung, die es der Organisation ermöglicht, sich von ihrer Umwelt abzugrenzen und ein eigenständiges Sozialsystem zu bilden. Mit der Unterscheidung zugehörig/nicht zugehörig kann die Organisation ihre autopoietische Reproduktion2 aufnehmen. Diese einfache Unterscheidung ermöglicht es, die Nationalmannschaft als Organisation zu beobachten. Nicht nur für die Spieler, auch für den Trainer- und Betreuerstab kann diese Unterscheidung ohne weiteres angewandt werden.
2. Formale Strukturen der Organisation
Luhmann (2006) beschreibt Organisationen anhand drei entscheidbarer Entscheidungsprämissen: Personal- Programm- und Kommunikationsstruktur. Im folgenden möchte ich kurz auf diese formalen Strukturelemente der deutschen Nationalmannschaft eingehen. Dabei richte ich den Fokus auf die Mannschaft und den Trainer- und Betreuerstab und verzichte aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die Einbettung der Mannschaft in die Verbandsstrukturen des Deutschen Fußballbundes (DFB).
Programmstruktur: Entscheidungsprogramme der Organisation sind diejenigen Entscheidungsprämissen, die „die regulativen Bedingungen für richtiges (oder im anderen Falle: fehlerhaftes) Entscheiden“ (ebd. 225) vorgeben. Hier wären vor allem die Taktik und die Gestaltung des Trainings zu nennen, welche aus zum Teil detaillierten Vorgaben für angemessenes Entscheiden bestehen. Es handelt sich dabei um entscheidbare Entscheidungsprämissen, da die Organisation selbst über diese Prämissen entscheiden kann, ja muss.
Kommunikationsstruktur: Die Kommunikationsstrukturen der Organisation schreiben „die Kommunikationswege vor, die eingehalten werden müssen, wenn die Entscheidung als solche bei der Organisation Anerkennung finden soll“ (ebd. 225). So muss die Kommunikationsstruktur der Nationalmannschaft als vergleichsweise streng hierarchisch beschrieben werden. Das gilt sowohl für die Hierarchie innerhalb der Mannschaft, die sich vom Kapitän über Stammspieler hin zu Ersatzspielern differenziert, aber auch für den Trainer- und Betreuerstab, wo der Bundestrainer über die letztinstanzliche Entscheidungsgewalt verfügt. Auch über diese Entscheidungsprämisse kann die Organisation entscheiden.
Personalstruktur: Das Personal selbst kann als Entscheidungsprämisse angesehen werden, unter der Annahme, dass verschiedene Personen unterschiedlich entscheiden werden (vgl. ebd. 289). Nirgends ist dies wohl so deutlich wie im Fußball, wo der Unterschied für die Organisation besonders hervor tritt, sobald das Personal ein anderes ist. Die Bedeutung die einem Trainer oder den Spielern beigemessen wird, ist enorm. Entscheidbar ist diese Entscheidungsprämisse, weil die Organisation selbst entscheiden kann, wer in den Kreis der Nationalspieler eintreten darf, wer Trainer3 ist und wer zum Betreuerstab gehört.
2.1 Das explizite Wissen der Organisation
Die Entscheidungsprämissen sind der Organisation bekannt und deshalb auch von ihr entscheidbar. Sie können analog als explizites Organisationswissen beobachtet werden (vgl. Hiller 2005: 40f). Dieses explizite Wissen wird in der Regel auch als Maßstab für die Bewertung einer Organisation herangezogen und auf dieser Grundlage werden dann Strategien für das Erreichen des Erfolgs entwickelt. Strategische Planung organisationalen Wandels ist dann nur durch Änderung der formalen Strukturen zu erreichen, indem Entscheidungen über Entscheidungsprämissen getroffen werden (vgl. Luhmann 2006: 230f).
Wie oben gezeigt wurde, lassen sich die Wissensstrukturen einer Organisation so auf explizierbare Phänomene bringen (Training, Taktik, Datenbanken, Hierarchien, Qualifikationen, usw.). Organisationale Elemente abseits formaler Strukturen brauchen daher nicht im Aufbau der Theorie berücksichtigt zu werden.
An dieser Stelle möchte ich aber auf die mangelnde Erklärungskraft einer auf formale Strukturen beschränkten Analyse hinweisen. Denn kann man auf diese Weise die enorme Bedeutung für die Organisation erklären, die einem Trainerwechsel oder dem in Deutschland so beliebten „Führungsspieler“ zugerechnet wird? Kann man mit dieser theoretischen Prämisse verdeutlichen, warum die besten Trainingsmethoden scheitern oder warum eine klare Hierarchie noch nicht der Garant für eine gutes „Mannschaftsklima“ ist? Ich denke nicht.
Um diesen Einwand erklären zu können, ohne eine theoretische Unschärfe zu riskieren, sei an dieser Stelle auf die Bedeutung der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme eingegangen.
3. Zwei Seiten einer Medaille: Operative Geschlossenheit
Denkt man die Theorie operativ geschlossener Systeme mit all ihren Prämissen bis zum Schluss durch, dann kann und muss man in Kauf nehmen, „dass soziale Systeme, also auch Organisationen, nicht wahrnehmen können“ (Luhmann 2006: 119). „Der Begriff der „Person“ wird (dementsprechend) als Autor, Adresse und Thema des Kommunikationssystems gesehen. So entsteht die Bezeichnung einer Seite der Form, die auch noch eine andere Seite hat, die aber intransparent bleibt“ (Luhmann 2006: 89f, meine Einfügung). Das wahrnehmende, denkende Individuum verbleibt in der Umwelt der Organisation. Das heißt aber nicht, dass die Kommunikation von seiner Umwelt unabhängig sei. Ganz im Gegenteil: Die Organisation ist auf die Wahrnehmung der Individuen genauso angewiesen, wie eine intakte ökologische Umwelt nötig ist, damit Kommunikation überhaupt prozessieren kann. Diese Trennung von Bewusstsein und Kommunikation ist vielfach auf Ablehnung gestoßen und hat der Systemtheorie den Ruf der Unmenschlichkeit eingebracht (Diese Kritik rezipierend: Luhmann 1995a u. ders. 1995b). Allerdings büßen Analysen, die keine Scharfe Trennung von Kommunikation und Bewusstsein mitführen, eine Menge an Erklärungskraft ein, weil die Eigenlogik der Kommunikation und die spezifischen Leistungen der Wahrnehmung nicht reflektiert werden können. Auf der anderen Seite haben Verfechter dieser Unterscheidung (siehe Luhmann 2006) sich vielfach zu sehr auf die Seite der Kommunikation geschlagen und Theorien entwickelt, die das wechselseitige Verhältnis und die Bedingtheit von Kommunikation und Wahrnehmung aus dem Auge verloren haben. Die Kritik aus beiden Lagern lässt sich an dieser Stelle nun durch eine Präzisierung der These aufnehmen. Denn das Verhältnis von Kommunikation und wahrnehmendem Bewusstsein wird in der soziologischen Systemtheorie als strukturelle Kopplung beschrieben (vgl. Luhmann 1990 u. ders. 1997). Dadurch lassen sich die wechselseitigen Bedingungen und Bestimmungen erklären, ohne dass ein Determinismus auf einer der beiden Seiten festgestellt werden kann. Hiller stellt (2005: 29) im Anschluss an Luhmann (1990 u. 1997) fest, dass es somit möglich wird, „die Bedeutung kognitiver Schemata im Rahmen einer kognitionsorientierten Organisationssoziologie zu beschreiben und ihrer Funktion nach bestimmbar zu machen“. Gerade die Seite der Form „Person“, die für die Organisation intransparent bleibt, also die schematisierte Wahrnehmung der Organisationsmitglieder, muss als unentscheidbare Entscheidungsprämisse der Organisation in die Diskussion über den Erfolg organisationalen Wandels mitgeführt werden (Hiller 2005: 42f). So wird einerseits dem Vorwurf der „Entmenschlichung“ entgegengewirkt, und andererseits ein komplexeres, erklärungsreicheres Bild von der Organisation möglich ohne, dass dabei die trennscharfe Unterscheidung von Kommunikation und Wahrnehmung aufgegeben wird.
4. Implizite Wissensstrukturen der Organisation
Was bedeutet „Persönlichkeit“ für die Organisation? Und wie kann man dies für die Organisationstheorie fruchtbar machen? Hiller (2005) schlägt hierfür das Konzept des impliziten Organisationswissens vor, wodurch die Wahrnehmung der Organisationsmitglieder und die organisationalen Sensemaking-Prozesse als unentscheidbare Entscheidungsprämissen der Organisation in die soziologische Organisationstheorie eingeführt werden. Und genau diese spezifisch schematisierten Wahrnehmungsleistungen der Organisationsmitglieder kann man als „Persönlichkeit“ bezeichnen. Wobei dies auf der einen Seite mit dem Begriff der „Person“ nicht mehr fassbar wäre und auf der anderen Seite trotzdem abgesichert ist, dass „Persönlichkeit“ etwas genuin soziales ist. Denn „individuelle Erkenntnissprozesse werden in Organisationen nur insofern relevant, als sie in das Kommunikationssystem der Organisation Eingang finden, das unter sozialen Gesichtspunkten selegiert, was als organisatorisches Wissen weiterverwendet wird“ (ebd. 38).
Durch die Beobachtung der Differenz von explizitem und implizitem Wissen bekommt man die Schemaabhängigkeit jeglichen Entscheidens in den Blick. So behalten oben genannte formale Wissensstrukturen der Organisation weiterhin ihre Bedeutung, allerdings liegt eine neue Gewichtung vor. Denn „nicht die formalstrukturellen, sondern die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen bestimmen die evolutionäre Reproduktion der Organisation“ (ebd.: 8 ).
Um die Bedingungen für den Erfolg des organisationalen Wandels einer Fußballmannschaft in den Blick zu bekommen, muss man also auch analysieren wie die Mannschaftmitglieder anhand impliziter Theorien und Beobachtungsregeln Realitäten erzeugen, Bedeutungen zuschreiben, Sinn produzieren und somit Wissensstrukturen der Organisation aufbauen (vgl. ebd. 9f).
5. Sensemaking der deutschen Nationalmannschaft
Um nun die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen des organisationalen Wandels der deutschen Nationalmannschaft in den Blick zu bekommen, werde ich im folgenden die zentralen Schematisierungen benennen, die darauf stattfinden Sensemaking-Prozesse analysieren und im Anschluss zeigen, inwiefern sich die Wechselwirkung von Kommunikation und Kognition an diesem Beispiel bestätigen lässt.
5.1 Die Veränderung der kognitiven Organisationsstrukturen
Will man den Wandel einer Organisation durch die Neuausrichtung ihrer kognitiven Strukturen beschreiben, muss als erstes gezeigt werden, welche Schematisierungen für den organisationalen Wandel für die Organisation von Bedeutung sind.
„Die Fans, so glaube ich, haben den großen Wunsch, die große Hoffnung, dass wir 2006 Weltmeister werden. Und das ist dann auch meine Zielsetzung.4“ Das Ziel Weltmeister zu werden ist das zentrale Leitschema der Organisation während der Ära Klinsmann, weil dies die Identität der Organisation bildet.
5.1.1 Identität: Eigenerwartung
„Organisationale Identitätsentwürfe sind kollektive Selbstbeschreibungen und als solche beobachtungsabhängie Konstruktionen(...)“, die „(...) den Kern der organisationalen Wissensstruktur (...)“ bilden (Hiller 2005: 30). Die Selbstbeschreibung der deutschen Nationalmannschaft vor dem Amtsantritt Klinsmanns im Jahre 2004 und ihrer Fortschreibung bis zur Weltmeisterschaft führen in ein weiteres sportliches Versagen. Alte Spieler mit überholter Ausbildung in einer zerrütteten, hierarchielosen Mannschaft, die mit gestrigen Trainingsmethoden für immer den Anschluss verloren hat, zeichnen ein äußerst deprimierendes Bild der Organisation. Diese tautologische Selbstbeschreibung der Organisation führt zu Stagnation, was in diesem Fall zur Eigenerwartung eines weiteren Absackens im internationalen Vergleich führt. Auf diesen Zustand geht Klinsmann aber nur indirekt ein.
5.1.2 Image: erwartete Fremderwartung
Die erwarteten Fremderwartungen (vgl. ebd.) spiegeln dabei ein disparateres Bild wider. Die Fans wünschen sich zwar von einer deutschen Nationalmannschaft grundsätzlich, dass sie Weltmeister wird. Und die Bedeutung einer Weltmeisterschaft im eigenen Land verstärkt dieses Bedürfnis zusätzlich. Die Erwartungen und das Zutrauen stimmen damit aber nicht überein, weil der Ist-Zustand der Mannschaft dazu keine Veranlassung gibt. Es lassen sich also zwei widersprüchliche Positionen erkennen.
5.1.3 Neujustierung von Identität und Image
Mit dieser Vorarbeit, wird es möglich, „Veränderungen der kognitiver Organisationsstrukturen als Prozess der Neujustierung von Identität und Image zu rekonstruieren“ (vgl. ebd.). Hierfür möchte ich auf die Semantik der Äußerung noch ein wenig detaillierter eingehen. Denn es wird mit einer Entwicklung der Organisation im zeitlichen Horizont gearbeitet, die in dem Ziel enden soll, dass die Mannschaft 2006 Weltmeister werden soll. Die Identität der Organisation wird von einer tautologischen Selbstbeschreibung hin zu einer paradoxen Selbstbeschreibung verändert: Ich bin, was ich (noch nicht) bin. Und hier wird besonders deutlich, warum die Persönlichkeit für die Organisation so bedeutend ist, weil die Beobachterabhänigigkeit von Identität und des Images immer die Auswahl einer bestimmten Seite einer Form voraussetzt. Klinsmann optiert hier für den Wunsch der Fans, der als Image-Beschreibung für die zukünftige Entwicklung dienen soll und setzt diesen mit der Identität gleich. Das Auflösen von Widersprüchlichkeiten zwischen Identität und Image und den dadurch evozierten Umbau der kognitiven Struktur kann man mit Hiller (2005: 32) als Organisationslernen bezeichnen.
5.2 Integration des Schemas: Organisationales Sensemaking
Die Bedeutung dieses Schemas für das Sensemaking der Organisation und somit für den Erfolg der deutschen Mannschaft kann nicht genug hervorgehoben werden. Denn alle Organisationsmitglieder nehmen die an sie adressierten diskrepanten Leistungserwartungen wahr. Ein Ausweg für sie bietet sich nun genau darin, ihre eigenen Sensemaking-Prozesse mit dem formulierten organisationalen Ziel zu framen und dem organisationalen Wandel (neues Training mit Gummibändern, amerikanischer Fitnesstrainer, junge Spieler, neue Hierarchie, etc.) dadurch Sinn zu verleihen. Daher ist davon auszugehen, dass die Zielformulierung nicht unbedingt nach außen gerichtet ist, sondern die primäre Intention darin zu sehen ist, den strukturellen Wandel der Organisation voranzutreiben und Bedeutungsstrukturen für den organisationalen Sensemaking-Prozess bereit zu stellen, indem ein tragbares Schema vorgeschlagen wird.
5.2.1 Wechselseitige Verstärkung
Eine erfolgreiche Etablierung eines organisationalen Schemas kann aber nur dann geschehen, wenn sich das zukünftige Bild der Organisation auch kommunikativ in der Organisation durchsetzt und über alle Ebenen getragen wird. Die Sensemaking-Prozesse müssen die Grundlage für anschlussfähige Entscheidungen bieten. Dann ergibt sich aber eine verstärkende Struktur, indem sich Kommunikation und Wahrnehmung wechselseitig verstärken. Unter der zentralen Unterscheidung Nutzen für das Ziel der Weltmeisterschaft/Kein Nutzen für das Ziel Weltmeisterschaft werden alle folgenden Entscheidungen getroffen. Und hier kommt die besondere Tragweite dieser impliziten Wissensstruktur zur Geltung: Diese Zentralunterscheidung wird bei jeder anderen Entscheidung für das Sensemaking zu Rate gezogen, ohne dabei explizit zu werden. Ich gehe also davon aus, dass das zentrale Schema alle anderen Wissensstrukturen konfiguriert und beeinflusst. Organisationales Sensemaking kann man als eine Programmierung der organisationalen Wissensstrukturen bezeichnen. Ist diese Programmierung erfolgreich, wirkt sich dies wieder auf die Kommunikation aus. Es wird dann tatsächlich so entschieden und gehandelt, dass das Ziel Weltmeisterschaft greifbarer wird. Diese Kommunikation hat zur Folge, dass das Ziel noch stärker Wahrgenommen wird, was wiederum weitere Entscheidungen zur Folge hat, etc. Die Organisation konstruiert sich den Weg zum Erfolg im Gleichschritt von Kommunikation und Wahrnehmung, indem die nicht reflektierbaren blinden Flecken als positive Verstärker wirken. Sie kann nicht mehr anders, als sich auf auf das Ziel des Gewinns der Weltmeisterschaft auszurichten.
5.3 Bedeutung von Interaktion
Da solch ein Ziel nicht voraussetzunglos im Rahmen formaler Strukturen beschlossen werden kann, wird es typischerweise in kleinen, informalen, auf Interaktion beruhenden Kreisen entwickelt. Denn gerade in der Interaktion, die sich im Gegensatz zu anderer Kommunikation durch wechselseitige Wahrnehmung auszeichnet, ist erstens der Annahmedruck wesentlich höher, und zweitens ist es durch ihre Konstitutionsbedingung wesentlich leichter Wahrnehmung in Kommunikation zu transformieren und dadurch in die Organisation einzuspeisen (vgl. Luhmann 1975). Dies erfordert zwar wesentlich mehr Kapazitäten, ist dafür aber wesentlich wirkungsmächtiger als eine Entscheidung, die auf formalen Wegen durchgesetzt wurde. Dass gerade die informalen Interaktionsstrukturen, abseits der formalen Wege, in der konkreten Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft besonders ausgeprägt sind, zeigt die Dokumentation Sönke Wortmanns eindrucksvoll.
So zeigen viele eingefangene Situationen, dass die Mannschaft „füreinander da ist“ (32.), „Respekt voreinander“ (46.) hat und immer darauf bedacht ist „miteinander zu spielen“ (52.). Die mittlerweile eingelebten und geradezu selbstverständlichen Interaktionssituationen werden deutlich, wenn Michael Ballack in der Taktikbesprechungen miteinbezogen wird (76.). Dass sich die Mannschaft nun auf Interaktionsstrukturen, welche auch in Krisensituationen beim Ausfall formaler Hierarchie funktioniert, verlassen kann, verdeutlicht die mittlerweile berühmte Szene zwischen den ewigen Konkurrenten Oliver Kahn und Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien (68.). Auch die Einrichtung des Quartiers in Berlin ist unter diesen Gesichtspunkten geplant worden. Es wurden „Lounges“ eingerichtet, wo jeweils die Spieler, Trainer und Betreuer zusammenkommen können, damit nicht jeder für sich auf seinem Zimmer bleibt (13.). Bezeichnenderweise gab es dort von Beginn an eine Vermischung, sodass Interaktion trotz oder geradezu ohne Hierarchie stattfinden konnte. Ein beeindruckendes Beispiel für zwanglose, von Hierarchie befreite Interaktion liefern die Scherze von Sebastian Schweinsteiger mit dem Pressesprecher Harald Stenger während einer kurzen Autofahrt (58.). Zusammengefasst erinnert dies an die alte Maxime Sepp Herbergers: „Elf Freunde müsst ihr sein.“
6. Fazit
Will man die Bedingungen des (Miss-)Erfolgs organisationalen Wandels einer Fußballmannschaft beschreiben, so reicht es nicht aus, sich nur auf die formalen Strukturen der Organisation zu fokussieren. Nimmt man bei strikter Einhaltung der Trennung von Kommunikation und Bewusstsein die impliziten Wissensstrukturen in die Analyse mit auf, ergeben sich wesentlich erklärungsreichere Beschreibungen der Organisation und Bedingungen für erfolgreichen strukturellen Wandel, welche die Organisation selbst nicht sehen kann. Dass das Bild dabei an Komplexität gewinnt, hat zwar Vorteile für die Erklärungskraft, aber Nachteile für diejenigen, die einfache Handlunganleitungen für Erfolg erwarten.
Trotzdem lassen sich entlang der drei Entscheidungsprämissen einige Bedingungen festhalten, die erfolgversprechend sind.
1.Hierarchie wird nur dann erfolgreich wirken, wenn es Räume für hierarchiefreie Interaktion gibt.
2.Personal wird nur dann erfolgreich in Organisation wirken, wenn auch die Persönlichkeit in der Interaktion zur Geltung kommen kann.
3.Taktik und Training werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie das Trainieren, was sie nicht trainieren können: Situationen, die sie nicht vorgesehen haben, in denen nur noch Interaktion zur Verfügung steht.
Literatur:
Friedrichsen, Mike / Michael Löhne (2007): Fußball und Wirtschaft – Genialität oder Wahnsinn? In: Jürgen Mittag / Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Das Spiel mit dem Fußball. Essen: Klartext, 553-571
Hiller, Petra (2005): Organisationswissen. Wiesbaden: VS Verlag
Luhmann, Niklas (1975): Einfache Sozialsysteme. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2. (zitiert nach der 5. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 25-47
Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 11-59
Luhmann, Niklas (1995a): Probleme mit operativer Schließung. In: ders.: Soziologische Aufklärung 6. (zitiert nach der 2. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 13-25
Luhmann, Niklas (1995b): Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme. In: ders.: Soziologische Aufklärung 6. (zitiert nach der 2. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 26-37
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1. Bd. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 92-120
Luhmann, Niklas (2006): Organisation und Entscheidung. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag
Neumann, Gabriele (Hrsg.) (2003): Fußball vor der WM 2006. Spannungen zwischen Wissenschaft und Organisation. Köln: Sport und Buch Strauß
Internet: (Stand: 27. Juni 2007)
Deutscher Fußballbund (DFB):
http://www.dfb.de/index.php?id=500014&no_cache=1&tx_dfbnews_pi1[showUid]=2836&tx_dfbnews_pi1[sword]=&cHash=399e1e912f
Intelligente Äußerungen rund um den Fußball:
http://www.ja-gut-aeh-ich-sag-mal.com/
Wikipedia, die freie Enzyklopädie:
http://de.wikiquote.org/w/index.php?title=Fu%C3%9Fball&oldid=266879
Film:
Wortmann, Sönke (2006): Deutschland – Ein Sommermärchen. Leipzig: Kinowelt Home Entertainment
Dieser Artikel wurde bereits 6. Juli 2007 hier veröffentlicht.
Wie stellen sich moderne, professionelle Fußballmannschaften auf die Veränderungen ihrer Umwelt und den Wandel iherer eigenen Strukturen ein? Was sind die Bedingungen für den Erfolg einer fußballerischen Unternehmung? Auf Grundlage einer wissenssoziologischen, entscheidungsbezogenen Organisationstheorie gelingt es, mit Hilfe der zentralen Unterscheidung von impliziten und expliziten Wissensstrukturen die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen einer Organisation aufzuzeigen. Dass gerade die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen als maßgeblich für den Erfolg einer Fußballmannschaft angesehen werden müssen, kann am Beispiel der Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft vor der WM 2006 exemplarisch gezeigt werden.
Dieser Artikel ist Rahmen der Veranstaltung "Organisationswissen" bei Dr. Petra Hiller an der Universität Bielefeld entstanden.
Einleitung
„Wir müssen jetzt erstmal nachdenken. Nachdenken bedeutet, dass man über alles mögliche nachdenkt“ (Dieter Hoeneß). Wie kann man den Erfolg einer Fußballmannschaft aus organisationstheoretischer Perspektive erklären? Wollen Fußballmannschaften erfolgreich sein, müssen sie sich an die andauernde Veränderung ihrer Umwelt anpassen und sich selbst verändern. Organisationaler Wandel scheint der Schlüssel für den sportlichen Erfolg zu sein (vgl. Neumann 2003, Friedrichsen/Löhe: 2007). Denn nicht nur das Personal wird in unglaublich kurzen Intervallen gewechselt, auch die Taktik und die Hierarchie unterliegen permanenten Veränderungen. Ich betrachte in dieser Arbeit die deutsche Nationalmannschaft als Organisation und frage, warum es so schwierig ist, erfolgreichen organisationalen Wandel zu realisieren. Trotz aller Bemühungen und extensiven Nachdenkens ist der Wandel kaum planbar und der Erfolg bleibt häufig aus, ohne dass die Verantwortlichen wirklich sagen könnten, wo die Fehler liegen. Verkürzt stellte dies schon Otto Rehagel mit einem bekannten Bonmot fest: „Geld schießt keine Tore.“ Im Anschluss daran lautet die hier zu verhandelnde These, dass sich der organisationale Wandel vor allem deshalb als problematisch erweist, weil in der strategischen Entwicklung der Organisation zu wenig Wert auf die Veränderung der impliziten Wissensstrukturen der Organisation gelegt wird.
Um meine These zu stützen werde ich ein erfolgreiches Beispiel heranziehen: Das deutsche „Sommermärchen“. Hier gelingt es, exemplarisch zu zeigen, dass gerade die Strukturen abseits der formalen Organisation für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 ausschlaggebend sind. Eine zugespitzte Darstellung der Entwicklung findet sich im Film von Sönke Wortmann „Deutschland ein Sommermärchen“, welcher hier als Datengrundlage herangezogen wird. Darüberhinaus werde ich Ausschnitte eines Interviews diskutieren, welches mit Jürgen Klinsmann anlässlich seiner Vorstellung als Bundestrainer im Jahre 2004 geführt wurde.
Im ersten Schritt werde ich eine Begriffsbestimmung der Organisation vornehmen. Im Anschluss werden die formalen Strukturen der deutschen Nationalmannschaft beschrieben und als explizite Wissensstrukturen beobachtet (2), wobei hier kritisch zu fragen ist, ob organisationaler Wandel mit einem Modell der formalen Organisation hinreichend beschrieben werden kann. Nachdem ich die Konsequenzen der Prämisse operativer Schließung diskutiert habe (3), werde ich auf die Funktion impliziter Wissensstrukturen eingehen (4) um ihre Bedeutung für den erfolgreichen organisationalen Wandel der deutschen Nationalmannschaft herausstellen zu können (5). Abschließend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen (6).
1. Die Organisation der deutschen Nationalmannschaft
Ich denke, dass es für die Diskussion der These ausreichend ist, einen einfachen Begriff der Organisation zu Grunde zu legen. Nach Luhmann (2006: 112ff) ist die Frage der Mitgliedschaft die zentrale Unterscheidung, die es der Organisation ermöglicht, sich von ihrer Umwelt abzugrenzen und ein eigenständiges Sozialsystem zu bilden. Mit der Unterscheidung zugehörig/nicht zugehörig kann die Organisation ihre autopoietische Reproduktion2 aufnehmen. Diese einfache Unterscheidung ermöglicht es, die Nationalmannschaft als Organisation zu beobachten. Nicht nur für die Spieler, auch für den Trainer- und Betreuerstab kann diese Unterscheidung ohne weiteres angewandt werden.
2. Formale Strukturen der Organisation
Luhmann (2006) beschreibt Organisationen anhand drei entscheidbarer Entscheidungsprämissen: Personal- Programm- und Kommunikationsstruktur. Im folgenden möchte ich kurz auf diese formalen Strukturelemente der deutschen Nationalmannschaft eingehen. Dabei richte ich den Fokus auf die Mannschaft und den Trainer- und Betreuerstab und verzichte aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die Einbettung der Mannschaft in die Verbandsstrukturen des Deutschen Fußballbundes (DFB).
Programmstruktur: Entscheidungsprogramme der Organisation sind diejenigen Entscheidungsprämissen, die „die regulativen Bedingungen für richtiges (oder im anderen Falle: fehlerhaftes) Entscheiden“ (ebd. 225) vorgeben. Hier wären vor allem die Taktik und die Gestaltung des Trainings zu nennen, welche aus zum Teil detaillierten Vorgaben für angemessenes Entscheiden bestehen. Es handelt sich dabei um entscheidbare Entscheidungsprämissen, da die Organisation selbst über diese Prämissen entscheiden kann, ja muss.
Kommunikationsstruktur: Die Kommunikationsstrukturen der Organisation schreiben „die Kommunikationswege vor, die eingehalten werden müssen, wenn die Entscheidung als solche bei der Organisation Anerkennung finden soll“ (ebd. 225). So muss die Kommunikationsstruktur der Nationalmannschaft als vergleichsweise streng hierarchisch beschrieben werden. Das gilt sowohl für die Hierarchie innerhalb der Mannschaft, die sich vom Kapitän über Stammspieler hin zu Ersatzspielern differenziert, aber auch für den Trainer- und Betreuerstab, wo der Bundestrainer über die letztinstanzliche Entscheidungsgewalt verfügt. Auch über diese Entscheidungsprämisse kann die Organisation entscheiden.
Personalstruktur: Das Personal selbst kann als Entscheidungsprämisse angesehen werden, unter der Annahme, dass verschiedene Personen unterschiedlich entscheiden werden (vgl. ebd. 289). Nirgends ist dies wohl so deutlich wie im Fußball, wo der Unterschied für die Organisation besonders hervor tritt, sobald das Personal ein anderes ist. Die Bedeutung die einem Trainer oder den Spielern beigemessen wird, ist enorm. Entscheidbar ist diese Entscheidungsprämisse, weil die Organisation selbst entscheiden kann, wer in den Kreis der Nationalspieler eintreten darf, wer Trainer3 ist und wer zum Betreuerstab gehört.
2.1 Das explizite Wissen der Organisation
Die Entscheidungsprämissen sind der Organisation bekannt und deshalb auch von ihr entscheidbar. Sie können analog als explizites Organisationswissen beobachtet werden (vgl. Hiller 2005: 40f). Dieses explizite Wissen wird in der Regel auch als Maßstab für die Bewertung einer Organisation herangezogen und auf dieser Grundlage werden dann Strategien für das Erreichen des Erfolgs entwickelt. Strategische Planung organisationalen Wandels ist dann nur durch Änderung der formalen Strukturen zu erreichen, indem Entscheidungen über Entscheidungsprämissen getroffen werden (vgl. Luhmann 2006: 230f).
Wie oben gezeigt wurde, lassen sich die Wissensstrukturen einer Organisation so auf explizierbare Phänomene bringen (Training, Taktik, Datenbanken, Hierarchien, Qualifikationen, usw.). Organisationale Elemente abseits formaler Strukturen brauchen daher nicht im Aufbau der Theorie berücksichtigt zu werden.
An dieser Stelle möchte ich aber auf die mangelnde Erklärungskraft einer auf formale Strukturen beschränkten Analyse hinweisen. Denn kann man auf diese Weise die enorme Bedeutung für die Organisation erklären, die einem Trainerwechsel oder dem in Deutschland so beliebten „Führungsspieler“ zugerechnet wird? Kann man mit dieser theoretischen Prämisse verdeutlichen, warum die besten Trainingsmethoden scheitern oder warum eine klare Hierarchie noch nicht der Garant für eine gutes „Mannschaftsklima“ ist? Ich denke nicht.
Um diesen Einwand erklären zu können, ohne eine theoretische Unschärfe zu riskieren, sei an dieser Stelle auf die Bedeutung der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme eingegangen.
3. Zwei Seiten einer Medaille: Operative Geschlossenheit
Denkt man die Theorie operativ geschlossener Systeme mit all ihren Prämissen bis zum Schluss durch, dann kann und muss man in Kauf nehmen, „dass soziale Systeme, also auch Organisationen, nicht wahrnehmen können“ (Luhmann 2006: 119). „Der Begriff der „Person“ wird (dementsprechend) als Autor, Adresse und Thema des Kommunikationssystems gesehen. So entsteht die Bezeichnung einer Seite der Form, die auch noch eine andere Seite hat, die aber intransparent bleibt“ (Luhmann 2006: 89f, meine Einfügung). Das wahrnehmende, denkende Individuum verbleibt in der Umwelt der Organisation. Das heißt aber nicht, dass die Kommunikation von seiner Umwelt unabhängig sei. Ganz im Gegenteil: Die Organisation ist auf die Wahrnehmung der Individuen genauso angewiesen, wie eine intakte ökologische Umwelt nötig ist, damit Kommunikation überhaupt prozessieren kann. Diese Trennung von Bewusstsein und Kommunikation ist vielfach auf Ablehnung gestoßen und hat der Systemtheorie den Ruf der Unmenschlichkeit eingebracht (Diese Kritik rezipierend: Luhmann 1995a u. ders. 1995b). Allerdings büßen Analysen, die keine Scharfe Trennung von Kommunikation und Bewusstsein mitführen, eine Menge an Erklärungskraft ein, weil die Eigenlogik der Kommunikation und die spezifischen Leistungen der Wahrnehmung nicht reflektiert werden können. Auf der anderen Seite haben Verfechter dieser Unterscheidung (siehe Luhmann 2006) sich vielfach zu sehr auf die Seite der Kommunikation geschlagen und Theorien entwickelt, die das wechselseitige Verhältnis und die Bedingtheit von Kommunikation und Wahrnehmung aus dem Auge verloren haben. Die Kritik aus beiden Lagern lässt sich an dieser Stelle nun durch eine Präzisierung der These aufnehmen. Denn das Verhältnis von Kommunikation und wahrnehmendem Bewusstsein wird in der soziologischen Systemtheorie als strukturelle Kopplung beschrieben (vgl. Luhmann 1990 u. ders. 1997). Dadurch lassen sich die wechselseitigen Bedingungen und Bestimmungen erklären, ohne dass ein Determinismus auf einer der beiden Seiten festgestellt werden kann. Hiller stellt (2005: 29) im Anschluss an Luhmann (1990 u. 1997) fest, dass es somit möglich wird, „die Bedeutung kognitiver Schemata im Rahmen einer kognitionsorientierten Organisationssoziologie zu beschreiben und ihrer Funktion nach bestimmbar zu machen“. Gerade die Seite der Form „Person“, die für die Organisation intransparent bleibt, also die schematisierte Wahrnehmung der Organisationsmitglieder, muss als unentscheidbare Entscheidungsprämisse der Organisation in die Diskussion über den Erfolg organisationalen Wandels mitgeführt werden (Hiller 2005: 42f). So wird einerseits dem Vorwurf der „Entmenschlichung“ entgegengewirkt, und andererseits ein komplexeres, erklärungsreicheres Bild von der Organisation möglich ohne, dass dabei die trennscharfe Unterscheidung von Kommunikation und Wahrnehmung aufgegeben wird.
4. Implizite Wissensstrukturen der Organisation
Was bedeutet „Persönlichkeit“ für die Organisation? Und wie kann man dies für die Organisationstheorie fruchtbar machen? Hiller (2005) schlägt hierfür das Konzept des impliziten Organisationswissens vor, wodurch die Wahrnehmung der Organisationsmitglieder und die organisationalen Sensemaking-Prozesse als unentscheidbare Entscheidungsprämissen der Organisation in die soziologische Organisationstheorie eingeführt werden. Und genau diese spezifisch schematisierten Wahrnehmungsleistungen der Organisationsmitglieder kann man als „Persönlichkeit“ bezeichnen. Wobei dies auf der einen Seite mit dem Begriff der „Person“ nicht mehr fassbar wäre und auf der anderen Seite trotzdem abgesichert ist, dass „Persönlichkeit“ etwas genuin soziales ist. Denn „individuelle Erkenntnissprozesse werden in Organisationen nur insofern relevant, als sie in das Kommunikationssystem der Organisation Eingang finden, das unter sozialen Gesichtspunkten selegiert, was als organisatorisches Wissen weiterverwendet wird“ (ebd. 38).
Durch die Beobachtung der Differenz von explizitem und implizitem Wissen bekommt man die Schemaabhängigkeit jeglichen Entscheidens in den Blick. So behalten oben genannte formale Wissensstrukturen der Organisation weiterhin ihre Bedeutung, allerdings liegt eine neue Gewichtung vor. Denn „nicht die formalstrukturellen, sondern die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen bestimmen die evolutionäre Reproduktion der Organisation“ (ebd.: 8 ).
Um die Bedingungen für den Erfolg des organisationalen Wandels einer Fußballmannschaft in den Blick zu bekommen, muss man also auch analysieren wie die Mannschaftmitglieder anhand impliziter Theorien und Beobachtungsregeln Realitäten erzeugen, Bedeutungen zuschreiben, Sinn produzieren und somit Wissensstrukturen der Organisation aufbauen (vgl. ebd. 9f).
5. Sensemaking der deutschen Nationalmannschaft
Um nun die unentscheidbaren Entscheidungsprämissen des organisationalen Wandels der deutschen Nationalmannschaft in den Blick zu bekommen, werde ich im folgenden die zentralen Schematisierungen benennen, die darauf stattfinden Sensemaking-Prozesse analysieren und im Anschluss zeigen, inwiefern sich die Wechselwirkung von Kommunikation und Kognition an diesem Beispiel bestätigen lässt.
5.1 Die Veränderung der kognitiven Organisationsstrukturen
Will man den Wandel einer Organisation durch die Neuausrichtung ihrer kognitiven Strukturen beschreiben, muss als erstes gezeigt werden, welche Schematisierungen für den organisationalen Wandel für die Organisation von Bedeutung sind.
„Die Fans, so glaube ich, haben den großen Wunsch, die große Hoffnung, dass wir 2006 Weltmeister werden. Und das ist dann auch meine Zielsetzung.4“ Das Ziel Weltmeister zu werden ist das zentrale Leitschema der Organisation während der Ära Klinsmann, weil dies die Identität der Organisation bildet.
5.1.1 Identität: Eigenerwartung
„Organisationale Identitätsentwürfe sind kollektive Selbstbeschreibungen und als solche beobachtungsabhängie Konstruktionen(...)“, die „(...) den Kern der organisationalen Wissensstruktur (...)“ bilden (Hiller 2005: 30). Die Selbstbeschreibung der deutschen Nationalmannschaft vor dem Amtsantritt Klinsmanns im Jahre 2004 und ihrer Fortschreibung bis zur Weltmeisterschaft führen in ein weiteres sportliches Versagen. Alte Spieler mit überholter Ausbildung in einer zerrütteten, hierarchielosen Mannschaft, die mit gestrigen Trainingsmethoden für immer den Anschluss verloren hat, zeichnen ein äußerst deprimierendes Bild der Organisation. Diese tautologische Selbstbeschreibung der Organisation führt zu Stagnation, was in diesem Fall zur Eigenerwartung eines weiteren Absackens im internationalen Vergleich führt. Auf diesen Zustand geht Klinsmann aber nur indirekt ein.
5.1.2 Image: erwartete Fremderwartung
Die erwarteten Fremderwartungen (vgl. ebd.) spiegeln dabei ein disparateres Bild wider. Die Fans wünschen sich zwar von einer deutschen Nationalmannschaft grundsätzlich, dass sie Weltmeister wird. Und die Bedeutung einer Weltmeisterschaft im eigenen Land verstärkt dieses Bedürfnis zusätzlich. Die Erwartungen und das Zutrauen stimmen damit aber nicht überein, weil der Ist-Zustand der Mannschaft dazu keine Veranlassung gibt. Es lassen sich also zwei widersprüchliche Positionen erkennen.
5.1.3 Neujustierung von Identität und Image
Mit dieser Vorarbeit, wird es möglich, „Veränderungen der kognitiver Organisationsstrukturen als Prozess der Neujustierung von Identität und Image zu rekonstruieren“ (vgl. ebd.). Hierfür möchte ich auf die Semantik der Äußerung noch ein wenig detaillierter eingehen. Denn es wird mit einer Entwicklung der Organisation im zeitlichen Horizont gearbeitet, die in dem Ziel enden soll, dass die Mannschaft 2006 Weltmeister werden soll. Die Identität der Organisation wird von einer tautologischen Selbstbeschreibung hin zu einer paradoxen Selbstbeschreibung verändert: Ich bin, was ich (noch nicht) bin. Und hier wird besonders deutlich, warum die Persönlichkeit für die Organisation so bedeutend ist, weil die Beobachterabhänigigkeit von Identität und des Images immer die Auswahl einer bestimmten Seite einer Form voraussetzt. Klinsmann optiert hier für den Wunsch der Fans, der als Image-Beschreibung für die zukünftige Entwicklung dienen soll und setzt diesen mit der Identität gleich. Das Auflösen von Widersprüchlichkeiten zwischen Identität und Image und den dadurch evozierten Umbau der kognitiven Struktur kann man mit Hiller (2005: 32) als Organisationslernen bezeichnen.
5.2 Integration des Schemas: Organisationales Sensemaking
Die Bedeutung dieses Schemas für das Sensemaking der Organisation und somit für den Erfolg der deutschen Mannschaft kann nicht genug hervorgehoben werden. Denn alle Organisationsmitglieder nehmen die an sie adressierten diskrepanten Leistungserwartungen wahr. Ein Ausweg für sie bietet sich nun genau darin, ihre eigenen Sensemaking-Prozesse mit dem formulierten organisationalen Ziel zu framen und dem organisationalen Wandel (neues Training mit Gummibändern, amerikanischer Fitnesstrainer, junge Spieler, neue Hierarchie, etc.) dadurch Sinn zu verleihen. Daher ist davon auszugehen, dass die Zielformulierung nicht unbedingt nach außen gerichtet ist, sondern die primäre Intention darin zu sehen ist, den strukturellen Wandel der Organisation voranzutreiben und Bedeutungsstrukturen für den organisationalen Sensemaking-Prozess bereit zu stellen, indem ein tragbares Schema vorgeschlagen wird.
5.2.1 Wechselseitige Verstärkung
Eine erfolgreiche Etablierung eines organisationalen Schemas kann aber nur dann geschehen, wenn sich das zukünftige Bild der Organisation auch kommunikativ in der Organisation durchsetzt und über alle Ebenen getragen wird. Die Sensemaking-Prozesse müssen die Grundlage für anschlussfähige Entscheidungen bieten. Dann ergibt sich aber eine verstärkende Struktur, indem sich Kommunikation und Wahrnehmung wechselseitig verstärken. Unter der zentralen Unterscheidung Nutzen für das Ziel der Weltmeisterschaft/Kein Nutzen für das Ziel Weltmeisterschaft werden alle folgenden Entscheidungen getroffen. Und hier kommt die besondere Tragweite dieser impliziten Wissensstruktur zur Geltung: Diese Zentralunterscheidung wird bei jeder anderen Entscheidung für das Sensemaking zu Rate gezogen, ohne dabei explizit zu werden. Ich gehe also davon aus, dass das zentrale Schema alle anderen Wissensstrukturen konfiguriert und beeinflusst. Organisationales Sensemaking kann man als eine Programmierung der organisationalen Wissensstrukturen bezeichnen. Ist diese Programmierung erfolgreich, wirkt sich dies wieder auf die Kommunikation aus. Es wird dann tatsächlich so entschieden und gehandelt, dass das Ziel Weltmeisterschaft greifbarer wird. Diese Kommunikation hat zur Folge, dass das Ziel noch stärker Wahrgenommen wird, was wiederum weitere Entscheidungen zur Folge hat, etc. Die Organisation konstruiert sich den Weg zum Erfolg im Gleichschritt von Kommunikation und Wahrnehmung, indem die nicht reflektierbaren blinden Flecken als positive Verstärker wirken. Sie kann nicht mehr anders, als sich auf auf das Ziel des Gewinns der Weltmeisterschaft auszurichten.
5.3 Bedeutung von Interaktion
Da solch ein Ziel nicht voraussetzunglos im Rahmen formaler Strukturen beschlossen werden kann, wird es typischerweise in kleinen, informalen, auf Interaktion beruhenden Kreisen entwickelt. Denn gerade in der Interaktion, die sich im Gegensatz zu anderer Kommunikation durch wechselseitige Wahrnehmung auszeichnet, ist erstens der Annahmedruck wesentlich höher, und zweitens ist es durch ihre Konstitutionsbedingung wesentlich leichter Wahrnehmung in Kommunikation zu transformieren und dadurch in die Organisation einzuspeisen (vgl. Luhmann 1975). Dies erfordert zwar wesentlich mehr Kapazitäten, ist dafür aber wesentlich wirkungsmächtiger als eine Entscheidung, die auf formalen Wegen durchgesetzt wurde. Dass gerade die informalen Interaktionsstrukturen, abseits der formalen Wege, in der konkreten Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft besonders ausgeprägt sind, zeigt die Dokumentation Sönke Wortmanns eindrucksvoll.
So zeigen viele eingefangene Situationen, dass die Mannschaft „füreinander da ist“ (32.), „Respekt voreinander“ (46.) hat und immer darauf bedacht ist „miteinander zu spielen“ (52.). Die mittlerweile eingelebten und geradezu selbstverständlichen Interaktionssituationen werden deutlich, wenn Michael Ballack in der Taktikbesprechungen miteinbezogen wird (76.). Dass sich die Mannschaft nun auf Interaktionsstrukturen, welche auch in Krisensituationen beim Ausfall formaler Hierarchie funktioniert, verlassen kann, verdeutlicht die mittlerweile berühmte Szene zwischen den ewigen Konkurrenten Oliver Kahn und Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien (68.). Auch die Einrichtung des Quartiers in Berlin ist unter diesen Gesichtspunkten geplant worden. Es wurden „Lounges“ eingerichtet, wo jeweils die Spieler, Trainer und Betreuer zusammenkommen können, damit nicht jeder für sich auf seinem Zimmer bleibt (13.). Bezeichnenderweise gab es dort von Beginn an eine Vermischung, sodass Interaktion trotz oder geradezu ohne Hierarchie stattfinden konnte. Ein beeindruckendes Beispiel für zwanglose, von Hierarchie befreite Interaktion liefern die Scherze von Sebastian Schweinsteiger mit dem Pressesprecher Harald Stenger während einer kurzen Autofahrt (58.). Zusammengefasst erinnert dies an die alte Maxime Sepp Herbergers: „Elf Freunde müsst ihr sein.“
6. Fazit
Will man die Bedingungen des (Miss-)Erfolgs organisationalen Wandels einer Fußballmannschaft beschreiben, so reicht es nicht aus, sich nur auf die formalen Strukturen der Organisation zu fokussieren. Nimmt man bei strikter Einhaltung der Trennung von Kommunikation und Bewusstsein die impliziten Wissensstrukturen in die Analyse mit auf, ergeben sich wesentlich erklärungsreichere Beschreibungen der Organisation und Bedingungen für erfolgreichen strukturellen Wandel, welche die Organisation selbst nicht sehen kann. Dass das Bild dabei an Komplexität gewinnt, hat zwar Vorteile für die Erklärungskraft, aber Nachteile für diejenigen, die einfache Handlunganleitungen für Erfolg erwarten.
Trotzdem lassen sich entlang der drei Entscheidungsprämissen einige Bedingungen festhalten, die erfolgversprechend sind.
1.Hierarchie wird nur dann erfolgreich wirken, wenn es Räume für hierarchiefreie Interaktion gibt.
2.Personal wird nur dann erfolgreich in Organisation wirken, wenn auch die Persönlichkeit in der Interaktion zur Geltung kommen kann.
3.Taktik und Training werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie das Trainieren, was sie nicht trainieren können: Situationen, die sie nicht vorgesehen haben, in denen nur noch Interaktion zur Verfügung steht.
Literatur:
Friedrichsen, Mike / Michael Löhne (2007): Fußball und Wirtschaft – Genialität oder Wahnsinn? In: Jürgen Mittag / Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Das Spiel mit dem Fußball. Essen: Klartext, 553-571
Hiller, Petra (2005): Organisationswissen. Wiesbaden: VS Verlag
Luhmann, Niklas (1975): Einfache Sozialsysteme. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2. (zitiert nach der 5. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 25-47
Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 11-59
Luhmann, Niklas (1995a): Probleme mit operativer Schließung. In: ders.: Soziologische Aufklärung 6. (zitiert nach der 2. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 13-25
Luhmann, Niklas (1995b): Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme. In: ders.: Soziologische Aufklärung 6. (zitiert nach der 2. Auflage, 2005). Wiesbaden: VS Verlag, 26-37
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1. Bd. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 92-120
Luhmann, Niklas (2006): Organisation und Entscheidung. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag
Neumann, Gabriele (Hrsg.) (2003): Fußball vor der WM 2006. Spannungen zwischen Wissenschaft und Organisation. Köln: Sport und Buch Strauß
Internet: (Stand: 27. Juni 2007)
Deutscher Fußballbund (DFB):
http://www.dfb.de/index.php?id=500014&no_cache=1&tx_dfbnews_pi1[showUid]=2836&tx_dfbnews_pi1[sword]=&cHash=399e1e912f
Intelligente Äußerungen rund um den Fußball:
http://www.ja-gut-aeh-ich-sag-mal.com/
Wikipedia, die freie Enzyklopädie:
http://de.wikiquote.org/w/index.php?title=Fu%C3%9Fball&oldid=266879
Film:
Wortmann, Sönke (2006): Deutschland – Ein Sommermärchen. Leipzig: Kinowelt Home Entertainment
Dieser Artikel wurde bereits 6. Juli 2007 hier veröffentlicht.
Samstag, 17. November 2007
Gibt es linken Fußball?
Dass es linke und rechte Fußball-Fans gibt, erscheint wohl klar. Aber für Fans, die sich in politische Lager einteilen (lassen), kann und muss es doch auf dem Spielfeld ein Pendant geben, oder nicht? Wie ist der Fußball, wenn er den Linken gefällt? Wie soll "linker" Fußball aussehen? Wenn man sich in die Tiefen einer ideologischen Debatte begibt und dann auch noch Fußball das Thema ist, ist man vor einigen Fallgruben und Fettnäpfechen nicht gewahrt, was auch anhand der bereits laufenden Diskussion gezeigt werden soll. Ganz zu schweigen davon, was passiert, wenn sich Politiker in den Fußball einmischen wollen und es für eine gute Idee halten den Bundestrainer vor einen Untersuchungsausschuss zu stellen.
Ist es der brasilianische Zauberfußball, in dem der einzelne Spieler seine individuellen Fähigkeiten voll zur Geltung bringen kann? Ein Fußball, der nur das Individuum kennt? So spricht Dietrich Schulze-Marmeling in einem Interview mit der ak:
Zumindest Daniel Cohn-Bendit kann damit nichts anfangen, wie bereits oben erkenntlich wird. Er entblößt sich dabei auch nicht, die Argentinier in die Ecke des hässlichen, "rechten" Fußballs zu stellen, was ihn zumindest bei Fußballliebhabern als Fachmann disqualifiziert. Schulze-Marmeling scheint da erst einmal etwas differenzierter zu sein, bis er sich dann aber erlaubt "rechten" Fußball zu beschreiben:
Dieser Artikel wurde bereits 23. November 2006 hier veröffentlicht.
Ist es der brasilianische Zauberfußball, in dem der einzelne Spieler seine individuellen Fähigkeiten voll zur Geltung bringen kann? Ein Fußball, der nur das Individuum kennt? So spricht Dietrich Schulze-Marmeling in einem Interview mit der ak:
... kann man nicht leugnen, dass der Fußball der Brasilianer oder Niederländer eher dazu geeignet ist, ein linkes Lebensgefühl zu befriedigen, als der biedere Kick einiger anderer Länder. Er ist relativ offensiv, räumt (einigen!) Individuen relativ viel Raum ein, bietet an guten Tagen einen ästhetischen Genuss.Und Daniel Cohn-Bendit pflichtet in einem Interview mit RUND bei:
Das linke dabei ist, auf die Qualität und die Entwicklung der Spieler zu setzen, auf ein System, in dem sie ihre Qualität einbringen können. Und nicht ein System, in dem sich der Einzelne unterordnen muss.Es lebe der Individualismus. Jedem seine Hackentricks und Fallrückzieher, vergesst die Defensivarbeit und den besser postierten Mann. Wer hat das verstanden? Na klar! Thomas Brdaric gibt offen gegenüber RUND zu:
"Als Stürmer hast du so eine Geilheit, das Tor zu schießen," bekennt Brdaric. "Deshalb ist ein 4:4 mit vier eigenen Toren wichtiger als ein Sieg der Mannschaft. Ich bin viel zu sehr Stürmer."Das kostete ihn bekanntlich den Stammplatz und sorgte allseits für Gelächter. Wär ja auch irgendwie ein seltsamer Sport, wenn sich denn alle so verhielten. Zumal ungezügelter Individualismus nicht wirklich mit den Idealen eines Mannschaftssports unter einen Hut zu bekommen ist. Der individuell hoch veranlagte Marcelinho war ein gutes Beispiel für ein Scheitern von individueller Klasse, weil er sich nicht in der Mannschaft einordnen wusste. Ich denke, dass in solchen Forderungen (auch, bzw. erst recht) die Geilheit auf totale Unterhaltung mitschwingt, die der Ideologie der Konsumgesellschaft entspringt. Aber solche Kehrtwendungen und Verdrehungen (ehemals) Linker sind ja nicht erst seit heute bekannt. Schade aber, dass das alles so wenige reflektiert gesagt wird. Nun, wie geht das dann mit dem "linken" Fußball? Vielleicht das sozialistische Prinzip, in der die Gemeinschaft zählt und alle für alle kämpfen? Systemfußball?
Zumindest Daniel Cohn-Bendit kann damit nichts anfangen, wie bereits oben erkenntlich wird. Er entblößt sich dabei auch nicht, die Argentinier in die Ecke des hässlichen, "rechten" Fußballs zu stellen, was ihn zumindest bei Fußballliebhabern als Fachmann disqualifiziert. Schulze-Marmeling scheint da erst einmal etwas differenzierter zu sein, bis er sich dann aber erlaubt "rechten" Fußball zu beschreiben:
Die Spieler werden in ein enges taktisches Korsett eingebunden, das dem Individuum keine Freiheiten einräumt. Es dominieren Kampf und Disziplin, der Gegner wird durch übertriebene Härte eingeschüchtert, und es wird an soldatische Tugenden appelliert.Wahrlich keine schöne Vorstellung. Aber ist nicht der moderne Konzeptfußball a la Rapolder, Klopp, Doll, Klinsmann und Löw genau so vorgesehen? Dominiert deshalb in Deutschland der "rechte" Fußball? Oder ist es eben doch "linker" Fußball, weil alle auf einer Ebene stehen und für das Kollektiv arbeiten, was ein wichtiger Punkt innerhalb der linken Ideologie darstellt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht und gebe an dieser Stelle auf. Abschließend sei angemerkt, dass eine politische Kategorie einfach nicht auf den Fußball passt. Egal, wie man es zu drehen versucht.
Dieser Artikel wurde bereits 23. November 2006 hier veröffentlicht.
Willkommen auf "Der Sport der Gesellschaft"!
Worum es hier geht, erfahren sie in der Projektskizze. Und wenn Interesse an einer Mitarbeit besteht, kann man sich hier näher erkundigen.
Geschrieben von Enno Aljets
in Der Sport der Gesellschaft
um
14:24
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