Ein Jahr nach der WM. Zeit, sich über ein paar alte, neue, ewige Geschichten zu wundern: Beobachtungen über die italienischen Momente im Leben der Deutschen. Und andersherum.
Ich mache mich auf die Suche nach Relikten der letztjährigen Anti-Italien-Folklore während des deutschen Sommermärchens und fahre kürzlich ins Hamburger Fußballstadion zum Freundschaftsspiel des HSV gegen Juventus Turin. Alessandro Del Piero wird heute auflaufen. Es wird nicht mehr viele Gelegenheiten geben diesen großen italienischen Fußballer in Deutschland spielen zu sehen. Er ist im Herbst seiner Karriere. Das Spiel wird angepfiffen und Del Piero wird bei fast all seinen Ballberührungen ausgepfiffen. Es ist nicht offensichtlich warum: er hat kein Foul begangen, er hat kein für den HSV ärgerliches Tor geschossen, er hat auch sonst nichts Dummes getan, was die Gemüter hätte erregen können. Die Leute pfeifen offenbar, weil sie nicht verziehen haben: Del Piero war der Torschütze des 2:0 der Italiener gegen die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale.
Solange kein erbittertes Halbfinale anstand galt der „Italiener” als lukullischer Vorreiter für den Lebensstil der „Deutschen”. Während des letztjährigen Halbfinals im Stadion von Dortmund hatten sich Tausende unüberhörbar auf einen Schlachtruf geeinigt, in dem er zum „Pizzalieferanten” degradiert wurde. Natürlich gibt es Schlimmeres als das. Pizzabäcker zu sein ist ein ehrenwerter Beruf. Dennoch erinnere ich mich an ein Spiel zwischen dem FC Bayern München gegen Besiktas Istanbul. Damals hielten Bayern-Fans einige Hundert Aldi-Tüten hoch in Anspielung an die türkische „Aldi”-Klientel. Diese rassistische Volte führte 1997 zu heftigen Diskussionen in der deutschen Öffentlichkeit.
Noch vor einigen Jahrzehnten galt der „Italiener” in Deutschland als Messerstecher und Katzlmacher. Die miesesten Behausungen wurden ihm als Wohnungen angedreht. In Bars und Kneipen wurde er zuweilen abgewiesen. Mittlerweile hat der „Italiener” hier die erstaunliche Karriere vom dreckwegmachenden Gastarbeiter zum Werbetrottel gemacht, dessen sprachliches Stückwerk verkaufsfördernd wirken soll: „Schmeckt-e gut-e!” (Joghurt-Werbung) oder „Isch abe ga kaine Auto, Signorina!” (Kaffee-Werbung) waren Meilensteine deutscher Werber-Idiotien über Italiener.
Auf dem Weg vom HSV-Spiel nach Hause sehe ich auf der Straße ein Werbeplakat aus dem Seitenfenster meines Autos, auf dem die Fastfoodkette Burger King den „Italienischen Sommer” ausruft. Tatsächlich hat es heute nach tagelangen Wolkenbrüchen endlich aufgehört zu regnen. Zu Hause öffne ich an meinem Computer die deutsche Webpage von Burger King und klicke rechts unten in diesen Werbeclip, der den neuen „italienischen” Mozarellaburger anpreist.
Der Film von Burger King reiht sich nahtlos in diese armselige Tradition ein. Er erzählt die bescheuerte Geschichte eines italienischen Gigolos, der – nachdem er in diesen neuen Mozarellaburger gebissen hat – durch die Straßen zieht und testosterongemäßtet und wie ferngesteuert fremden Frauen ins Gesäß fasst. Auf der nach oben offenen Werteskala der Clips, in denen der „Italiener” zum Affen gemacht wird, landet auch dieser neue von Burger King ganz weit oben.
Mit Italienern geht einiges, was mit Menschen anderer Nationalität in Deutschland nicht funktioniert. Ursache ist wahrscheinlich die verwobene, wechselvolle, gemeinsame Geschichte. Der italienische Histroiker Gian Enrico Rusconi rekonstruiert in seinem neuen Buch „Deutschland – Italien, Italien – Deutschland” (Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn) die Beziehungen zwischen den beiden spät geborenen Nationalstaaten und spannt einen Bogen von der Bismarckzeit, den Weltkriegen über den Wiederaufbau bis in die Gegenwart, von Bismarck bis zu Mussolini und Hitler, von De Gasperi und Adenauer bis zu Berlusconi und Schröder. Er zeigt wie Stereotype immer wieder Alltagskultur und Politik beider Seiten bis heute bestimmen.
Als Deutsche und Österreicher 1914 ohne die Italiener den Ersten Weltkrieg eröffneten, trat der Bündnispartner der gegnerischen Seite bei. Danach kursierte das Wort vom italienischen „Verrat” in Deutschland. Auf dieses Muster griffen die Deutschen auch im Zweiten Weltkrieg zurück. Während der letzten WM wurde der „Italiener” als Verräter dargestellt, weil die Bilder eines italienisches TV-Sender zur Sperre des deutschen Spielers Frings für das spätere Halbfinale gegen Italien geführt hatten. Frings hatte im Viertelfinalsspiel der Deutschen gegen Argentinien nach Abpfiff während eines Handgemenges einen argentinischen Spieler mit seiner Faust getroffen. Unter deutschen Fußballfans machte es schnell die Runde, „Italiener” seien „Petzen”.
Der Sieg der Italiener gegen die Deutschen hatte übrigens seinen Preis. Die Aktivisten des Bund Aktiver Fußballfans (BAFF), zählten kurz nach der Halbfinalniederlage der Deutschen über 30 gewälttätige Übergriffe auf Italiener und italienische Einrichtungen in Deutschland, teils auch mit rechtsradikalem Hintergrund. Am Ballermann auf Mallorca wurden die rund 300 italienischen Fans als „Pizza-Votzen” und „Scheiß-Juden” beschimpft.
Der „Deutsche” wird in Italien bis heute hingegen beispielsweise als „Maschinenmensch” dargestellt, als „uomo macchina”. Seit dem ersten Weltkrieg ist diese Metapher ein geläufiger Begriff. Sie stellt den „Deutschen” als eine mechanische Kreatur ohne Emotion dar. In diesem Bild erzielt der „Deutsche” bloß im Kollektiv seine Wirkung. Als Individuum ist er nichts Wert, weil nur die einzelnen Teile zusammen erst die Maschine ergeben.
Wenn die Geschichte so weiter geht, geht die Geschichte so nicht weiter.
Vito Avantario
Freitag, 23. November 2007
Des Deutschen liebster Feind: "Der italienische Fußball"
Heute hat Oliver Fritsch wieder einmal einen herrlichen Freistoß direkt verwandelt und mich zum weiteren Nachdenken über das deutsch-italienische Fußballverhältnis animiert.
Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im Sport nicht nur erlaubt sind, sondern auch dahingehend funktionale Bedeutung haben, dass klare Fronten zwischen Gewinnern und Verlieren geschaffen werden. Das macht den Sport im allgemeinen zusätzlich reizvoll und gehört einfach dazu. Das hat in der Regel vor allem zeitliche und sachliche Grenzen, die sich aber gerade für dieses spezifische Verhältnis nicht zeigen. Hier drängt sich die spannende Frage Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung dieser Klischees und Feindbilder auf: Warum wird im deutsch-italienischen Verhältnis sofort und unweigerlich von Pizzaboykott und schmierigen Gigolo gesprochen?
Zweitens stellt Fritsch fest, dass die Klischees tatsächlich auch die sachliche Analyse der Reporter überlagern und über den italienische Fußball kontrafaktisch negativ geschrieben wird. Durchaus ist die überaus moralische und negative Bewertung des italienischen Fußballs in der deutschen Presse beachtlich. Das wundert doch sehr und bedarf einer genaueren Analyse.
Das deutsche Bild der Italiener
Dass "der Italiener" in Deutschland kein gutes Image hat, ist sicherlich der mangelnden Integrationsbereitschaft des deutschen Volkes und der deutschen Politik geschuldet. So jährte sich unlängst 2005 zum 50. Mal der deutsch-italienische Anwerbevertrag. Dass Deutschland sich und seine Bevölkerung bis in jetzige Jahrtausend nicht auf eine Integration der angeworbenen Arbeiter vorbereitete, führte strukturell zu einer Isolation italienischer Kultur in Deutschland. So blieb das italienische immer typisch italienisch und daher fremd. Beide Kulturen bemühten sich von vornherein um Abgrenzung und Bewahrung, was zwangsläufig zu Klischee- und Feinbildern führt, weil man sich dann nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen muss. Man kann einfach auf das Klischee verweisen. Die Klischeebildung hat eine lange Tradition, die mehrere Generationen mitgetragen und bestärkt haben. Diese stereotypen Bilder sind in sportlichen Auseinandersetzung natürlich besonders fruchtbar und kommen dort auch massenmedial excellent zum Tragen. Dass heute nur noch in seltenen Fällen (des Fußballs!) gegen Italien gewettert wird, liegt darin, dass sich das deutsche Volk heute nicht mehr von Italienern "unterwandert" fühlt sondern eher von Türken, Russen, Polen. Damit ist nicht gemeint, dass die Integration von Italienern in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen sei (wenn man mal von der kulturellen Einverleibung der Pizza und des italienischen Eiscafés absieht). Vielmehr haben sich die Angriffsziele der kulturellen Abgrenzungsbewegungen auf andere Volksgruppen verschoben. Nach wie vor versteht sich Deutschland in seiner politischen und alltäglichen Lebenspraxis nicht als Einwanderungsland, dessen Bevölkerung und Regierung einen ernsthaften Beitrag zur Integration ausländischer Mitbürger leisten will und kann.
Die Reaktivierung der stereotypen Klischees
Unter der Voraussetzung, dass deutsch-italienische Klischees erstens eine lang gelebte Tradition haben und zweitens in Deutschland nach wie vor keine offene, auf Integration zielende Einstellung der Bevölkerung zu beobachten ist, lässt sich nun verstehen, warum diese Klischees auch sachliche Analysen überlagern und die Autoren für ein abgewogenes Urteil blind machen.
Denn die weiterhin bestehenden Ressentiments wirken auch bei den SchreiberInnen. Exemplarisch lässt sich an der moralisch aufgeladenen Beschreibung "des Italienischen Fußballs" die mit Vorurteilen belastete, auf Abgrenzung zielende Haltung einer Bevölkerung schließen. Denn die Funktion von Klischees ist ja gerade, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen muss, sondern nur das sehen kann, was man vorher schon wusste. Diese kognitive Eingrenzung der Schreiber führt dazu, dass sie nur das Spiel und die darin verwickelten Italiener sehen können, die in ihren Köpfen schon vorher bestanden. Sie werden immer ein "erschlichenes, hinterlistiges, hässliches" italienisches Spiel sehen müssen, weil keine anderen Bewertungsmuster dafür bereit stehen. Den Journalisten muss man an dieser Stelle natürlich vorhalten, dass sie ihren Beruf verfehlt haben. Dass diese Artikel von den Lesern mit Beifall bejubelt werden ist aber ein starkes Motiv trotzdem solch einen Unsinn zu schreiben. Diese Reaktion zeigt dann wiederum wie die Stimmung in unserem Land ist und wie viel Integration überhaupt möglich ist.
Niklas Luhmann beschreibt solch eine Einstellung im übrigen mit dem Begriff des normativen Erwartens. Wenn trotz kontrafaktischen Erlebens an den formulierten Erwartungen festgehalten wird, ist man in keinster Weise lernfähig. Und es ist im folge der hier skizzierten Überlegungen davon auszugehen, dass die Erwartung an den "unfairen, schleimigen" italienischen Fußball in Deutschland kontrafaktisch stabilisiert und institutionell verankert ist. Das erklärt zumindest, warum man immer wieder fachlich falsche und journalistisch schlechte Berichte über den italienischen Fußball in den deutschen Medien lesen muss.
Das wahre Ausmaß journalistischer Unsachlichkeit wird sich aber erst dann beobachten lassen können wenn Deutschland in der Gruppenphase der EM 2008 zusammen mit Griechenland [oder Niederlande] Italien und der Türkei [oder Russland oder Polen] um das Weiterkommen kämpft. Dann wird man Spieltag für Spieltag lesen müssen, was "der Deutsche" denkt.
Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im Sport nicht nur erlaubt sind, sondern auch dahingehend funktionale Bedeutung haben, dass klare Fronten zwischen Gewinnern und Verlieren geschaffen werden. Das macht den Sport im allgemeinen zusätzlich reizvoll und gehört einfach dazu. Das hat in der Regel vor allem zeitliche und sachliche Grenzen, die sich aber gerade für dieses spezifische Verhältnis nicht zeigen. Hier drängt sich die spannende Frage Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung dieser Klischees und Feindbilder auf: Warum wird im deutsch-italienischen Verhältnis sofort und unweigerlich von Pizzaboykott und schmierigen Gigolo gesprochen?
Zweitens stellt Fritsch fest, dass die Klischees tatsächlich auch die sachliche Analyse der Reporter überlagern und über den italienische Fußball kontrafaktisch negativ geschrieben wird. Durchaus ist die überaus moralische und negative Bewertung des italienischen Fußballs in der deutschen Presse beachtlich. Das wundert doch sehr und bedarf einer genaueren Analyse.
Das deutsche Bild der Italiener
Dass "der Italiener" in Deutschland kein gutes Image hat, ist sicherlich der mangelnden Integrationsbereitschaft des deutschen Volkes und der deutschen Politik geschuldet. So jährte sich unlängst 2005 zum 50. Mal der deutsch-italienische Anwerbevertrag. Dass Deutschland sich und seine Bevölkerung bis in jetzige Jahrtausend nicht auf eine Integration der angeworbenen Arbeiter vorbereitete, führte strukturell zu einer Isolation italienischer Kultur in Deutschland. So blieb das italienische immer typisch italienisch und daher fremd. Beide Kulturen bemühten sich von vornherein um Abgrenzung und Bewahrung, was zwangsläufig zu Klischee- und Feinbildern führt, weil man sich dann nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen muss. Man kann einfach auf das Klischee verweisen. Die Klischeebildung hat eine lange Tradition, die mehrere Generationen mitgetragen und bestärkt haben. Diese stereotypen Bilder sind in sportlichen Auseinandersetzung natürlich besonders fruchtbar und kommen dort auch massenmedial excellent zum Tragen. Dass heute nur noch in seltenen Fällen (des Fußballs!) gegen Italien gewettert wird, liegt darin, dass sich das deutsche Volk heute nicht mehr von Italienern "unterwandert" fühlt sondern eher von Türken, Russen, Polen. Damit ist nicht gemeint, dass die Integration von Italienern in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen sei (wenn man mal von der kulturellen Einverleibung der Pizza und des italienischen Eiscafés absieht). Vielmehr haben sich die Angriffsziele der kulturellen Abgrenzungsbewegungen auf andere Volksgruppen verschoben. Nach wie vor versteht sich Deutschland in seiner politischen und alltäglichen Lebenspraxis nicht als Einwanderungsland, dessen Bevölkerung und Regierung einen ernsthaften Beitrag zur Integration ausländischer Mitbürger leisten will und kann.
Die Reaktivierung der stereotypen Klischees
Unter der Voraussetzung, dass deutsch-italienische Klischees erstens eine lang gelebte Tradition haben und zweitens in Deutschland nach wie vor keine offene, auf Integration zielende Einstellung der Bevölkerung zu beobachten ist, lässt sich nun verstehen, warum diese Klischees auch sachliche Analysen überlagern und die Autoren für ein abgewogenes Urteil blind machen.
Denn die weiterhin bestehenden Ressentiments wirken auch bei den SchreiberInnen. Exemplarisch lässt sich an der moralisch aufgeladenen Beschreibung "des Italienischen Fußballs" die mit Vorurteilen belastete, auf Abgrenzung zielende Haltung einer Bevölkerung schließen. Denn die Funktion von Klischees ist ja gerade, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen muss, sondern nur das sehen kann, was man vorher schon wusste. Diese kognitive Eingrenzung der Schreiber führt dazu, dass sie nur das Spiel und die darin verwickelten Italiener sehen können, die in ihren Köpfen schon vorher bestanden. Sie werden immer ein "erschlichenes, hinterlistiges, hässliches" italienisches Spiel sehen müssen, weil keine anderen Bewertungsmuster dafür bereit stehen. Den Journalisten muss man an dieser Stelle natürlich vorhalten, dass sie ihren Beruf verfehlt haben. Dass diese Artikel von den Lesern mit Beifall bejubelt werden ist aber ein starkes Motiv trotzdem solch einen Unsinn zu schreiben. Diese Reaktion zeigt dann wiederum wie die Stimmung in unserem Land ist und wie viel Integration überhaupt möglich ist.
Niklas Luhmann beschreibt solch eine Einstellung im übrigen mit dem Begriff des normativen Erwartens. Wenn trotz kontrafaktischen Erlebens an den formulierten Erwartungen festgehalten wird, ist man in keinster Weise lernfähig. Und es ist im folge der hier skizzierten Überlegungen davon auszugehen, dass die Erwartung an den "unfairen, schleimigen" italienischen Fußball in Deutschland kontrafaktisch stabilisiert und institutionell verankert ist. Das erklärt zumindest, warum man immer wieder fachlich falsche und journalistisch schlechte Berichte über den italienischen Fußball in den deutschen Medien lesen muss.
Das wahre Ausmaß journalistischer Unsachlichkeit wird sich aber erst dann beobachten lassen können wenn Deutschland in der Gruppenphase der EM 2008 zusammen mit Griechenland [oder Niederlande] Italien und der Türkei [oder Russland oder Polen] um das Weiterkommen kämpft. Dann wird man Spieltag für Spieltag lesen müssen, was "der Deutsche" denkt.
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